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Warum Somalia?

Afrika, noch immer der vergessene Kontinent. Wohl kaum ein Erdteil findet so wenig Beachtung in unserer medialen Öffentlichkeit - auch in der Wissenschaft. Die Konflikte dort erscheinen uns fern und fremd, oft kennen wir nur die immer gleichen Leidensbilder aus den Medien.

So erging und geht es auch Somalia. Traurige Berühmtheit erlangte das Land am Horn von Afrika zu Beginn der 90er Jahre. Nach dem Sturz des Diktators Siyad Barre 1991 versank das Land in Chaos und Anarchie. Die Weltöffentlichkeit war über die humanitäre Katastrophe als Folge des Bürgerkriegs und von Dürreperioden schockiert - und schritt ein. 1992 intervenierten die Vereinten Nationen (VN) unter Führung der USA, um der notleidenden Bevölkerung zu helfen und den Frieden in einem geeinten Somalia zu ermöglichen. Doch verkannten die Verantwortlichen die Lage und die Probleme in Somalia - der Einsatz schlug fehl und endete für die VN und die USA in einem Desaster: Die Bilder der toten amerikanischen Soldaten, die durch die Straßen Mogadischus gezogen wurden, sorgten für Entsetzen in der Welt. Die Somalis schienen ein Volk zu sein, dem nicht zu helfen ist. Und nach dem endgültigen Abzug der Truppen der Vereinten Nationen 1995 wurde das Land wieder sich selbst überlassen - und vergessen.

Bis die USA als Reaktion auf die Anschläge am 11. September ihren "Krieg gegen den Terror" begannen. Somalia gilt seitdem als mögliches Einsatzgebiet dieses Krieges, das Land am Horn wird als mögliche Heimstädte von Terroristen gehandelt. Spekulationen, die die eigentlichen Probleme in dem Land vergessen lassen und den Konflikt und seine Lösung auf Terrorismusbekämpfung reduzieren.

In Somalia agieren nun schon seit über zehn Jahren sich bekämpfende Clans, Milizen und Warlords, sie lassen das Land in einem undurchschaubaren Dickicht aus Chaos und Gewalt versinken, ein gemeinsamer Staat existiert nur noch formal: Im Norden haben zwei Regionen - Somaliland und Puntland - ihre Autonomie erklärt, im Süden ist das Land unter den rivalisierenden Gruppen aufgeteilt. Und die gewählte Übergangsregierung bleibt in ihrer Macht auf einen Teil der Hauptstadt Mogadischu begrenzt - die Zukunft Somalias bleibt ungewiss.

Das Ziel des Krisenspiels ist nicht eine Lösung für Somalia zu finden. Vielmehr soll den TeilnehmerInnen ein Einblick in einen Konflikt gegeben werden, der sich grundlegend von den "gängigen" Konfliktmustern, die in unseren Medien Beachtung finden, unterscheidet. Dies geschieht von der Akteursebene her, die politischen Strukturen und Prozesse der Region am Horn von Afrika und der komplexe innersomalische Konflikt sollen aus dieser Perspektive verdeutlicht werden. In mehreren vorbereitenden Sitzungen werden die Teilnehmer deshalb in die Geschichte Somalias, konflikttheoretische Grundlagen und regionale Besonderheiten eingeführt. Die vielen unterschiedlichen Akteure auf nationaler und internationaler Ebene garantieren dabei ein spannendes und handlungsintensives Spiel.

Um die Zusammenhänge, Ursachen und Hintergründe des Konflikts in Somalia besser zu verstehen ist es notwendig, sich mit der Geschichte des Landes und seiner Entwicklung auseinander zusetzen. Die somalische Gesellschaft besteht in ihrer Struktur aus einem sehr komplexen System von Klans, Subklans und Großfamilien. Ausgehend von sechs Großklans - den Isak, Darud, Hawije, Dir, Rahanwein und Digil - existiert ein verzweigtes Netz von Subklans, deren kleinste Einheit die Familie ist. Die sechs großen Klanfamilien verteilen sich mit je unterschiedlicher Dominanz regional auf die Gebietes Somalias, Djiboutis, Äthiopiens (Ogaden-Region) und Nordkenias.

Grenzen spielten in der traditionell nomadischen Gesellschaft keine Rolle, die Nomaden zogen mit ihren Herden in ihrem Gebiet umher, auf der Suche nach fruchtbarem Weideland und Wasser. Im Laufe des 19. Jahrhunderts aber, mit der beginnenden Kolonialisierung des Landes, verstärkten sich die Gebietsansprüche von den verschiedenen Klanfamilien und der Konflikt mit dem äthiopischen Nachbarn, der bis heute eine erhebliche Rolle in der Auseinandersetzung und dem Selbstverständnis Somalias spielt: Die Ogaden-Region, heute ein Teil Äthiopiens, ist klassisches Weidegebiet somalischer Nomaden, die in der Region auch die Mehrheit der Bevölkerung stellen.

Die Kolonialzeit beeinflusste Somalia in zweierlei Hinsicht: zum einen wurden die Gegensätze zwischen den Klans noch verstärkt, zum anderen aber einten die Kolonialmächte als gemeinsamer Feind das somalische Volk: Mit der islamisch geprägten Derwisch-Bewegung unter Sayid Hassan Anfang des 20. Jahrhunderts zeigte sich zum ersten Mal eine gemeinsame somalische Identität der verschieden Klanfamilien, mit dem Ziel eines geeinten und freien Somalias. Doch der Aufstand wurde niedergeschlagen, Franzosen (Djibouti), Italiener (Südsomalia) und Briten (Nordsomalia) blieben die Herren im Land.

1960 schließlich erlangte Somalia im Zuge der Dekolonialisierung die Unabhängigkeit: zuerst der südliche, italienische Teil, dann auch Nordsomalia. Djibouti ist bis heute als Stützpunkt abhängig von Frankreich und der Norden Kenias ist in das Land integriert. Mit Beginn der Unabhängigkeit herrschte große Hoffnung und Zuversicht am Horn von Afrika. Somalia gab sich eine demokratische Verfassung, Parlament, Regierung und Präsident wurden gewählt und bis Ende der 60er Jahre schien Somalia geeint einer hoffnungsvollen Zukunft entgegenzublicken. Zwar dominierten die verschiedenen Klanfamilien und die Parteien jeweils regional, doch die demokratische Vertretung aller wichtigen Gruppen garantierte einer jeden Einfluss im Land. Gegen Mitte der sechziger Jahre wurde in dem rohstoffarmen Land, dass vor allem von dem Handel mit Vieh lebt, deutlich, dass die wirtschaftliche Entwicklung nicht den gewünschten Erfolg brachte. 1969, nach einem tödlichen Attentat auf den amtierenden Präsidenten, putschte sich Mohammed Siyad Barre mit großer Zustimmung in der Bevölkerung an die Macht und begann seine über 20jährige Militärherrschaft in Somalia.

Barre ersetzte alle Verfassungsorgane durch den "Supreme Revolutionary Council" (SRC), in den alle wichtigen Klanfamilien Somalias eingebunden wurden. Er setzte sich für Reformen ein, etwa der Alphabetisierung und mehr Rechte für Frauen. Dabei schlug er den Weg des "wissenschaftlichen Sozialismus" ein, ein ganz eigenes Modell unter Einbeziehung des Islam und Bindung an die UDSSR. Außerdem verstärkte er die Forderung und den Anspruch Somalias auf den Ogaden, der von den Regierungen zuvor zugunsten einer Friedenspolitik mit Äthiopien vernachlässigt worden war und für Unmut in der Bevölkerung gesorgt hatte.

Anfang der 70er Jahre spitzte sich die Auseinandersetzung mit Äthiopien weiter zu, unterstützt durch die konkurrierenden Weltmächte USA und UDSSR. Diese für Somalia entscheidende militärische Unterstützung der Sowjetunion fiel allerdings nach 1974 plötzlich weg: In Äthiopien hatte sich nach dem Sturz des Kaisers Selassie Mengistu Haile Mirian an die Macht geputscht und den Sozialismus zur Staatsraison erklärt. Die Sowjets nutzten die Möglichkeit, um das politisch und strategisch bedeutsamere Äthiopien von nun zu unterstützen, Somalia war auf sich allein gestellt. Dies hinderte Siyad Barre allerdings nicht daran 1977 schließlich mit dem Einmarsch in Äthiopien den Ogaden-Krieg zu beginnen, den die überlegenen äthiopischen Truppen aber bereits ein Jahr später für sich entscheiden konnten.

Die Folgen des Krieges waren verheerend: Zu den ca. Eine Million Toten kamen in etwa noch einmal 700.000 Flüchtlinge, die aus den von Äthiopien besetzten Gebieten flohen. Die Wirtschaft Somalias war am Ende und der Unmut in der Bevölkerung stieg. Siyad Barre band längst nicht mehr alle Clans gleichwertig in die Regierung ein, besonders die Isak und Hawije waren davon betroffen. Die wachsende Opposition wurde von Barre unterdrückt und verfolgt, an einzelnen Klans wurden grausame Massaker verübt. Während der 80er Jahre verlor der Diktator Barre immer mehr die Kontrolle über das Land, im Norden Somalias kontrollierten die Isak ("Somali National Movement", SNM) das Gebiet des heutigen Nordsomalias. Doch auch im Süden begann mit dem "United Somali Congress" (USC) eine Partei den aktiven Kampf gegen das Barre-Regime. 1991 stürzten und vertrieben die verbündeten Parteien schließlich Siyad Barre unter Führung des USC.

Doch ging der Bürgerkrieg nach dem Sturz des Diktators weiter. Die Klans und Milizen bekämpften sich untereinander, Mogadischu wurde völlig zerstört, die Bevölkerung litt unter den Folgen von Krieg und Dürre - was letztlich zum UN-Einsatz 1992 in Somalia führte. Im Norden des Landes erklärte sich die vom Klan der Isak dominierte Republik Somaliland unter Präsident Egal 1991 für unabhängig und wartet seitdem auf internationale Anerkennung. Im Rest des Landes herrscht Anarchie und Chaos. Nach dem Entgültigem scheitern der UNO-Mission erklärte sich 1996 eine zweite Republik im Norden Somalias, Puntland, für autonom, um nicht in das Chaos im Süden des Landes gezogen zu werden.

Zahlreiche internationale Vermittlungsversuche sind seitdem gescheitert. Im August 2000 wurde zwar eine Übergangsregierung unter dem Präsidenten Salat Hassan gewählt, um die Ordnung im Land wiederherzustellen und die Entwaffnung der Milizen voranzubringen, aber ohne Einfluss im Land blieb es beim formalen Akt. Eine Lösung für Somalia scheint nicht in Sicht, die internationale Gemeinschaft hat das Land praktisch aufgegeben...

 

text: Till Schwarze