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Krisenherd Kaukasus

Bereits im 19. Jahrhundert wurde mit dem Begriff „Great Game“ die Bedeutung des Kaukasus im Ringen der Kolonialmächte Großbritannien und Rußland um Einfluß auf der Landbrücke zwischen Europa und Asien hervorgehoben. Mit der Erschließung der umfangreichen Ressourcen an fossilen Energieträgern im Kaspischen Meer nach dem Ende der Sowjetunion (SU) tritt der Kaukasus wieder in den Fokus geopolitischer Strategien.

Neben der Regionalmacht Rußland und den traditionellen Akteuren Iran und Türkei treten sowohl die USA als auch die EU als neue „SpielerInnen“ in Erscheinung, die deutlich ihre Interessen an der Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen in der Region artikulieren. Auch wenn die langfristige Bedeutung der Ressourcen des kaspischen Raumes nicht abschließend zu bestimmen ist, kommt ihnen hinsichtlich einer Strategie der Diversifizierung der Energieversorgung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung neben dem Persischen Golf zu.

Mit dem Transport der kaspischen Öl- und Gasvorkommen zu den maßgeblichen Verbraucherländern im Westen treten komplexe sicherheitspolitische Fragen in Erscheinung. So stellt der Bau von Pipelines durch den Kaukasus im Zuge der zahlreichen Regionalkonflikte eine brisante politische und strategische Herausforderung dar.

Mit der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken Georgien, Armenien und Aserbaidschan, sowie der Vielzahl ethno-territorialer Konflikte in der gesamten Region, betraten eine Reihe neuer Akteure die politische Bühne. Neben den Vertretern der Neuen Unabhängigen Staaten (NUS) des Südkaukasus findet sich eine Reihe substaatlicher Akteure, die irredentistische (z.B. Berg-Karabach) oder sezessionistische (z.B. Tschetschenien, Abchasien) Tendenzen repräsentieren.

Umfangreiche strukturelle Probleme prägen die politische Landschaft im Kaukasus. Die blutigen ethno-territorialen Konflikte der neunziger Jahre haben zu wenig beachteten Flüchtlingsströmen geführt und die ökonomische Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt. In Folge der Auseinandersetzung um die politische und ökonomische Machtverteilung nach dem Zusammenbruch der SU prägen schwache demokratische Institutionen und Korruption die Politik der Länder in der Region.

Trotz einer Abnahme offener Kampfhandlungen verbleiben die Auseinandersetzungen um Abchasien, Süd-Ossetien oder auch Berg-Karabach in einem Zustand von „weder Krieg, noch Frieden“, die jede Form sozialer Integration im Süden der Region erschweren. Zudem stellt der wiederentflammte Krieg in Tschetschenien ein Risiko für die Stabilität im Nordkaukasus dar und zeigt negative Rückwirkungen auf die russische Innenpolitik. Neben den erheblichen finanziellen Lasten, die mit dem erneuten Waffengang in Tschetschenien entstehen, ist die Gesellschaft immer weniger geneigt die moralische Bürde eines Krieges zu tragen, dessen Nutzen fragwürdig erscheint.

Mit dem sich manifestierden Interesse in der Region seitens der USA und Europas öffnet sich das Feld für neue Allianzen, die das machtpolitische Gefüge der Region nachhaltig verändern können. Die Konsolidierung innenpolitischer Macht, meist verbunden mit umfangreichen Prämien, sowie eine Stärkung der nationalen Einflußsphäre, stehen den lokalen Eliten zur Disposition.
Es wird bereits von strategischen „Achsen“ gesprochen, welche die Region durchziehen und in den divergierenden Interessen Rußlands und der USA in der Region ihre Ausgangspunkte haben. Die verstärkte Präsenz der USA im Rahmen des „Krieges gegen den Terrorismus“ und das Interesse an regionalen Alliierten vermag dem „Great Game“ eine neue Dynamik zu verleihen und bietet eine spannende Grundlage für unser diesjähriges Krisenspiel.

Vier Schauplätze wurden aus der großen Zahl von Konfliktherden im Kaukasus ausgewählt. Die Sezessonskonflikte um Abchasien und Süd-Ossetien in Georgien, der Tschetschenienkonflikt innerhalb der Russischen Föderation sowie der Konflikt um Berg-Karabach, in dem sich Armenien und Aserbaidschan gegenüberstehen, sollen den Kern des Krisenspiels 2003 bilden. Neben den lokalen Akteuren und Rußland werden die Regionalmächte Türkei und Iran repräsentiert sein, als auch die globalen Akteure USA, Europa (Europarat/OSZE) und die Vereinten Nationen.

Die SpielerInnen werden sich mit einem komplexen Set an Faktoren auseinandersetzen müssen, die ihre strategischen Erwägungen beeinflußen. Zum einen bestehen kulturelle Konflikte, die sowohl ethnische als auch religiöse Komponenten aufweisen und eine nicht zu leugnende Mobilisationskraft in politischen Auseinandersetzungen besitzen. Ökonomische Interessen stellen einen weiteren bedeutenden Faktor dar, welche angesichts der Bedeutung der gesamten Region als Transitgebiet auf dem Weg nach Westen eng mit der Bedeutung der Öl- und Gasressourcen des Kaspischen Meeres verknüpft sind. Neben energiepolitischen Erwägungen gewinnen seit dem 11. September 2001 sicherheitspolitische Interessen seitens der USA an Bedeutung, die, als neue Ordnungsmacht in der Region, Rußland dessen traditionellen Einflußbereich streitig macht. Innenpolitische Auseinandersetzungen um die Machtverteilung in den NUS sowie den Föderationsmitgliedern des Nordkaukasus spielen zudem eine weitere wichtige Rolle. Die sich mit dem Ende der SU vollziehende Neuordnung der politischen Landschaften hat alte und neue Eliten in Auseinandersetzungen verwickelt, die sich im Rahmen einer notwendigen Konsolidierung demokratischer Strukturen als fatal für die politische und ökonomische Entwicklung der Region erwiesen haben.


text:
Felix Kuntzsch