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Krieg im Frieden?

Die Situation im Sudan ist auf den ersten Blick verwirrend. Während im Januar 2005 der seit 21 Jahren andauernde Bürgerkrieg zwischen der Regierung in Khartum und der Rebellenbewegung SPLM/A mit einem umfangreichen Friedensabkommen beendet wurde, steht die Provinz Darfur im Westen des Landes in Flammen.

Seit 2003 häufen sich die Meldungen über Mord und Vertreibung im Darfur. Mehrere Zehntausend sind dem Konflikt zum Opfer gefallen. In den Flüchtlingslagern in der Grenzregion zum Tschad drohen Hungersnöte. Die US-Regierung sprach offen von einem Genozid, doch verhielt sich die internationale Gemeinschaft bisher zurückhaltend, wohl auch, um nicht den Nord-Süd Friedensprozess zu gefährden. Aber auch nach dem Abschluss des Friedensabkommens von Nairobi herrscht im Sicherheitsrat Uneinigkeit über die gegenüber Khartum zu verfolgende Politik. Mächtige Interessen an der Ausbeutung der Erölreserven und nicht zuletzt die unterschiedliche Interpretation der Vorgänge „on the ground“ stehen einer härteren Gangart im Kampf um die Verteidigung der Menschenrechte entgegen, wie sie von zahlreichen westlichen NGOs gefordert wird.

Derweil steht der Rest des Sudans vor einer gigantischen Aufgabe: War der Frieden zwischen Nord und Süd bereits ein schwieriger Prozess, so beginnt nun eine sechsjährige Transitionsphase, die am Ende ein Referendum über die Unabhängigkeit des Südens vorsieht. Auf dem Weg dahin lauern viele Gefahren und die Erfahrung aus anderen Bürgerkriegsregionen zeigt, dass gerade die Zeit nach der Unterzeichnung eines Friedensabkommens ein hohes Risiko des Rückfalls in den gewaltsamen Konflikt mit sich bringt. Wer kann garantieren, dass die früheren Gegner sich an die getroffenen Abmachungen halten und welche Rolle werden in Zukunft jene politischen Gruppierungen spielen, die nicht am Verhandlungstisch saßen? Trotz des Sicherheitsratsbeschlusses, eine zehntausend Mann starke UN-Schutztruppe zur Absicherung des Friedens zu entsenden, sehen viele Beobachter skeptisch in die Zukunft.

Die Gewaltkonflikte im Sudan reichen bis in die Zeit vor der Unabhängigkeit (1956) zurück und wurden nur von dem Frieden von Addis Abeba zwischen 1972 und 1983 unterbrochen. In der Gemengelage zwischen ökonomischen Interessen und ideologischer Auseinandersetzung hat sich seit der Unabhängigkeit eine “Gewaltkultur“ herausgebildet, die das größte Hindernis auf dem Weg zu einem andauernden Frieden darstellt. Seit dem Beginn der Erdölexploration in den 1970ern nehmen die entstandenen Kosten für die Bevölkerung und die Verteilung der Gewinne eine zentrale Rolle im Konflikt zwischen Nord und Süd ein. Doch auch die traditionellen Auseinandersetzungen zwischen sesshaften Ackerbauern und nomadisierenden Viehtreibern um die Nutzungsrechte des Landes brechen sich im Zuge der Proliferation von modernen Feuerwaffen immer gewalttätiger ihre Bahn. Andererseits kämpft der Sudan nach dem Ende der Kolonialzeit um einen fragilen Staatsbildungsprozess, der eine arabisch-islamisch geprägte Konzeption der Nation einer extrem heterogenen Bevölkerung mit Gewalt aufzuoktruieren versucht. Der Konflikt dreht sich hier um die Frage, ob der Traum eines „New Sudan“ mit hybrider Identität zwischen Afrika und der arabischen Halbinseln möglich ist, oder ob am Ende die Teilung in zwei separate souveräne Staaten unumgänglich wird.

Das Krisenspiel 2005 hat zum Ziel, diese von hoher Volatilität geprägte Situation zu simulieren. Akteure aller Ebenen, von supranationalen Organisationen über die Anrainerstaaten des Sudans bis hin zu den zahlreichen lokalen Rebellengruppen, werden zusammenkommen, um sich den Herausforderungen der gegenwärtigen Situation in der Region zu stellen. Theoretische Aspekte der Friedens- und Konfliktforschung bzw. Sicherheitspolitik wie „Schwache Staatlichkeit“, divergierende Konzepte über Akteursrationalitäten sowie Prozessdynamiken substaatlicher Konflikte werden für die Spieler praktisch greifbar und unmittelbar erlebbar.

text: Felix Kuntzsch