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Abschlußbericht Krisenspiel 2003 – Kaukasus

Die Wahl der Krisenregion für das krisenspiel 2003 fiel nach einiger Überlegung auf den Kaukasus, womit das Spiel ein neuerliches Experiment unternahm: Bis dahin war noch kein Konflikt gespielt worden, der in so viele Teilkonflikte aufgesplittert war und so viele verschiedene Möglichkeiten zur Annäherung bot. Im Norden des Kaukasus prägt vor allem der Krieg in Tschetschenien das Bild, Georgien sieht sich dem Problem zweier separatistischer Bewegungen in Abchasien und Süd-Ossetien gegenüber, deren Konfliktpotential trotz Waffenstillstandabkommen unvermindert groß ist; schließlich ist auch die Situation im Berg-Karabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ungeklärt.

Dementsprechend breit versuchten wir die Vorbereitung des Planspiels anzulegen, indem wir mit Dr. Uwe Halbach von der SWP, Ekkehard Maß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft und Dr. Christoph Zürcher vom Ost-Europa-Institut drei Experten des Kaukasus mit sehr unterschiedlichem Zugang zum Thema einluden. Während Halbach eine generelle Einführung in die Struktur der einzelnen Konflikte gab, konzentrierte sich Maß vornehmlich auf ethnographische Beobachtungen und Begründungen der Auseinandersetzungen. Zürcher wiederum nahm die Interessen von externen Akteuren, in unserem Fall ganz besonders die der USA und Russlands, aber auch die der Türkei, des Iran und der EU in den Blickpunkt. Darüber hinaus gab unser wissenschaftlicher Berater Dr. Sven Chojnacki vom WZB wie schon in den beiden Jahren zuvor eine kritische Einführung in Konflikttheorien. Als weitere Hilfe wurde den TeilnehmerInnen ein Reader von etwa 250 Seiten zum Thema zur Verfügung gestellt, aufgeteilt nach Regionen und bestimmten thematischen Schwerpunkten (Öl, internationale Interessen etc.)

Als Neuerung in der Vorbereitung gab es die Aufgabe an die TeilnehmerInnen, die ihnen zugewiesene Rolle in Eigenarbeit zu recherchieren – etwa mit Hilfe des Readers oder des Internets – und sich in der letzten Vorbereitungssitzung den anderen MitspielerInnen vorzustellen. Die Erwartung an diese Aufgabe war, dass sich die TeilnehmerInnen intensiv mit den Mitteln, Netzwerken, Strategien oder auch Schwächen ihrer jeweiligen Rolle auseinander setzen sollten. Eine Woche vor dem Vorstellungstermin wurden die TeilnehmerInnen dann auch gebeten, ihre Rolle in Steckbriefform zu skizzieren und auf die Internet-Seite des krisenspiels zu stellen, um den anderen MitspielerInnen auch die Möglichkeit zu geben, sich über ihre jeweiligen Kontrahenten oder möglichen Partner zu informieren. Als erstes Fazit lässt sich sagen, dass diese Neuerung durchaus positiv aufgenommen wurde und die Ergebnisse den Erwartungen vollends entsprachen: Alle SpielerInnen gingen gut vorbereitet in das Spiel.

Das Spiel selbst verlief ähnlich den Spielen früherer Jahre: Nach etwas verhaltenem Beginn entdeckten einige SpielerInnen ihre Möglichkeiten und versuchten auf unterschiedlichen, teils sehr konfrontationsfreudigen Wegen, ihre Strategien durchzusetzen. Herauszustreichen ist jedoch, dass das Spiel durch die vom Konflikt gegebenen Umstände, aber auch durch die vielseitigen wirtschaftlichen Verhandlungsgespräche, eine sehr starke ökonomische Komponente bekam, die in früheren Spielen nicht in solch einem Ausmaß zu beobachten war. Vor allem politisch nicht offensichtlich relevante Akteure wie der russische Geschäftsmann Nachotschewan oder der Anführer einer Rebellenfraktion in Georgien Shengelia versuchten sich mit wirtschaftlichen Mitteln Gehör und Einfluss zu verschaffen. Des weiteren gaben die meisten Staatschefs ihre Posten am Ende des Spiels auf, was darauf schließen ließ, wie schwierig die Bemühungen um friedliche Beilegungen der Konflikte bei gleichzeitigem Machterhalt waren.

Die Kritik der TeilnehmerInnen bei der Auswertung konzentrierte sich dementsprechend auf zwei Punkte: Zum Einen kam vermehrt der Wunsch auf, auch ökonomische Kriterien in den Spielverlauf einzubauen bzw. die Grenzen ökonomischer Freiheit der Akteure anhand realer Zahlen festzulegen, zum Anderen fiel vielen (auch den Göttern) auf, das friedliche Lösungsbemühungen weder in der Pressegruppe noch im Spielverlauf genügend Beachtung fanden: kriegerische Konfrontation und Korruption schienen spannender zu sein als ehrliche Friedensbemühungen. Nichtsdestotrotz war die Atmosphäre während des gesamten Spielverlaufs sehr gut und die Freizeitgestaltung sehr entspannt, was auch einige MitspielerInnen positiv hervorhoben. Ein Kritikpunkt, der vor allem im internen Kreis der Götter diskutiert wurde, war die komplizierte Vielschichtigkeit des gewählten Konfliktes. In der Tat wurde es von allen als schwierig bewertet, den Überblick über vier unterschiedliche Konfliktherde zu behalten.

Insgesamt jedoch fiel das Fazit sowohl der TeilnehmerInnen als auch der OrganisatorInnen positiv aus, weil einmal mehr das krisenspiel die Möglichkeit dazu gab, Krisensituationen tarnsparenter und plastischer zu erleben. Dieses Resumée wurde in der intensivierten Auswertung (zwei Sitzungen nach Abschluß des Spiels und ein schriftlicher Bericht von jedem/r MitspielerIn) des öfteren wiederholt. Den Göttern des nächsten Jahres bleiben nach der eingehenden Kritik einige Punkte zur Diskussion und möglichen Abänderung, womit das Krisenspiel weiterhin ein dynamisches Konzept bleibt.

Berlin, den 15.07.03

das krisenspiel-team 2003

Regina Breining
Marta Czosnowski
Jonathan Fahima
Eva Kottenstede
Anna Künnemann
Felix Kuntzsch
Bartosz Penczek
Christoph Raiser
Till Schwarze
Claudia Volmerhaus