| Die Vorbereitungsphase des Krisespiels
2002 wurde bereits im Zwischenbericht abgehandelt. Der Abschluss des
Spiels erfolgte am Wochenende vom 14. – 16. Juni in Wilhelmsaue,
Brandenburg mit der Simulation der Krise selbst.
Letzte Vorbereitungen:
Nach den inhaltlichen Vorbreitungssitzungen und der Podiumsdiskussion,
die gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung organisiert wurde,
folgten noch zwei Seminarsitzungen zur Auswertung der vorangegangenen
Sitzungen und zur praktischen Vorbereitung auf das Spiel.
Während die inhaltlichen Sitzungen von den TeilnehmerInnen ohne
Ausnahme als gut und hilfreich in der Vorbereitung bewertet wurden,
stieß die Podiumsdiskussion auf ein gespaltenes Echo - sowohl
seitens der TeilnehmerInnen als auch der OrganisatorInnen. So wurde
die Teilnahme des Referatsleiters im Auswärtigen Amt, Karl Prinz,
von Einigen als wenig informativ kritisiert, während Andere seine
Rolle als Berufsdiplomat hervorhoben und sich zufrieden über die
Darstellung diplomatischen Handelns zeigten. Die Diskutanten aus der
Region, Abdurrahman Aden und Mohammed Sahal-Gerlach dagegen hätten,
so die einhellige Meinung aller „Krisenspieler“, die gespaltene
Situation Somalias, gut dargelegt: Auf der einen Seite der Ruf nach
einer internationalen Intervention, auf der anderen die Furcht um die
Integrität Somalias bei einem solchen Eingriff von aussen.
Das Fazit zur Diskussion fiel demnach eher pessimistisch aus. Solang
es innerhalb Somalias keine große Kraft zum Frieden gebe, würde
die Krise auch nicht zum Stillstand kommen. In diesem Zusammenhang erläuterten
die „Götter“ auch noch einmal ihre Entscheidung, neben
politischen bzw. militärischen Akteuren auch Clan-Elders in das
Spiel mit aufzunehmen. Um zu einer friedlichen Lösung beizutragen,
sei die Einbindung gesellschaftlicher Kräfte höchstwahrscheinlich
von Nöten.
Die letzte Sitzung am 13. Juni war der Erläuterung
der Spielregeln und den letzten praktischen Hinweisen gewidmet, was
dank der schriftlichen Ausarbeitung der Regeln einfach und unkompliziert
war. Leider aber sagten just an diesem Tag insgesamt fünf MitspielerInnen
ihre Teilnahme ab, zum Teil aus gesundheitlichen, zum Teil aus anderen
Gründen. Daher musste die Akteursverteilung noch am Morgen des
14. Juni auf der Fahrt nach Wilhelmsaue umgestellt werden, obwohl kurzfristig
noch zwei neue Teilnehmer gefunden wurden. Die Rolle Saudi-Arabiens
und des Außenministers von Somaliland fielen raus, dafür
wurde die Pressegruppe nur mit drei Spielern und einem der „Götter“
zusammengesetzt. Glücklicherweise aber zeigten sich die verbliebenen
MitspielerInnen als sehr flexibel und die neuen als sehr lernfähig.
In kürzester Zeit fanden in den ersten Runden des Spiels alle TeilnehmerInnen
in ihre Rollen.
Vier der sieben „Götter“ waren bereits
am Abend des 13. Juni nach Wilhelmsaue gereist, um die technischen Behelfsmittel
für die Presse (Schnittplatz und improvisiertes Studio) aufzubauen
und die sogenannte „Götter-Lounge“, den zentralen Entscheidungsraum
für das Spiel, herzurichten. Bei Ankunft der Teilnehmer am 14.
Juni gegen 12.00 Uhr war das Landheim Wilhelmsaue fertig für die
Krise...
Das Spiel:
Das Szenario versetzte die MitspielerInnen um hundert Tage in die Zukunft
und ließ ihnen den Raum, während der ersten Spielrunden die
Möglichkeiten auszutesten, die ihre Rolle versprach. Daher gestalteten
sich die ersten Runden noch weitgehend ruhig, die nächsten aber
wesentlich dynamischer.
In groben Linien lässt sich das Spiel auf folgende Ereignisse zusammenfassen:
1. Anhaltende Kämpfe zwischen den warlords im Süden Somalias
und in Mogadischu machten eine friedliche Einigung innerhalb des Landes
unmöglich. Hinzu kam, dass die Übergangsregierung TNG sich
gezwungen sah, mehr und mehr in die Kämpfe einzugreifen und zu
einer weiteren Bürgerkriegspartei zu werden. Das führte in
der Mitte des Spiels zur Einnahme Mogadischus durch die geeinten warlords,
die sich aber kurz darauf wieder in Machtkämpfe inner- und außerhalb
der Hauptstadt verstrickten. Die TNG kehrte dann wieder zurück,
die Situation war gegen Ende des Spiels in etwa an ihrem Ausgangspunkt
angelangt.
2. Außersomalische Akteure bemühten sich bis zur 10. Spielrunde,
eine neue Friedenskonferenz unter dem Zeichen einer „afrikanische
Lösung“ zu initiieren. Während Kenia schließlich
erfolgreich eine Konferenz organisierte, taten sich Sudan und Äthiopien
anfangs noch als Friedensstifter, dann vermehrt als Parteien mit eigenen
Interessen in Somalia hervor. Die Konferenz blieb schließlich
ohne Ergebnis, auch weil die warlords kurzfristig ihre Teilnahme abgesagt
hatten und die TNG nicht länger als legitimierte Regierung Somalias
galt.
3. Im Puntland schwelte während des gesamten Spiels ein Machtkampf
zwischen den beiden Streithähnen Yussuf und Jama Ali Jama. Beide
wurden von außersomalischen Kräften unterstützt: Yussuf
durch Äthiopien, Jama durch den Sudan. Während beide Länder
ihre Unterstützung offiziell bestritten, ermöglichte der militärische
Beistand des Sudan für Jama seine Rückkehr aus dem sudanesischen
Exil ins Puntland und förderte den Fortgang kriegerischer Auseinandersetzungen.
Am Ende des Spiels hielten beide Akteure einen Teil der autonomen Region
besetzt.
4. Somaliland hielt sich aus allen Auseinandersetzungen in Somalia heraus
und förderte dagegen seine Beziehungen zu den außersomalischen
Akteuren, was ihm schließlich die internationale Anerkennung und
Unabhängigkeit einbrachte. Die internationalen Akteure USA, EU
und UNO versuchten, mit humanitären Mitteln in die Situation einzugreifen,
vermochten aber gegen die Kriegsgewalt der warlords nichts zu unternehmen.
5. Die Pressegruppe gab sich über den gesamten Verlauf des Spiels
als kritischer Beobachter und nutzte ihre Rolle auch zu gezielten Stellungnahmen
zur Entwicklung der Situation aus.
In der ersten Auswertungsrunde äußerten
die TeilnehmerInnen vor allem positiv über das Spiel. Trotz der
pessimistischen Einschätzung der Lage Somalias bewerteten alle
SpielerInnen ihre Teilnahme als gut und lehrreich. Hervorgehoben wurde
außerdem die Einsicht, durch das Rollenspiel einen tieferen Einblick
in die Zwänge und Möglichkeiten der Akteure zu bekommen.
Freizeit:
Der Diplomatenball am Abend des 15. Juni war ein großer Erfolg,
wohl auch durch den glamourösen Eröffnungstanz der beiden
Akteure TNG-Miniterpräsident und UNO. Der Tanz auf dem Vulkan der
Krise gab allen MitspielerInnen ein willkommene Möglichkeit zum
Ausspannen, ebenso wie die kurzen, aber durch intensives Faulenzen genutzten
Mittagspausen.
Organisation:
Sowohl die technische Organisation als auch die Zusammenarbeit mit dem
Landheim Wilhelmsaue verliefen bis auf kleinste Probleme durchweg gut
bis sehr gut. Die vegetarische Verpflegung vermochte alle TeilnehmerInnen
zufrieden zu stellen und die räumliche Aufteilung in ein Götter-
und ein Spielerhaus ermöglichte eine weitgehend ruhige Koordination
des Spiels. Die angenehme Atmosphäre wurde durch den reibungslosen
Ablauf der An- und Abreise verstärkt.
Probleme:
Durch die kurzfristige Absage von fünf TeilnehmerInnen musste,
wie schon erwähnt, die Akteursliste umgestellt werden, so dass
im Gegensatz zu vergangenen Spielen nur zwei Parteien mit zwei MitspielerInnen
aufgestellt werden konnten, aber überwiegend allein gespielt wurde.
Das Echo der TeilnehmerInnen auf dieses Problem verstärkte den
Eindruck, dass eine allein gespielte Rolle Entscheidungsprozesse erschwert,
weil keine Absprache mit anderen möglich ist. Andererseits trug
die im Vergleich zum letzten Jahr kleine Teilnehmerzahl (38 vs. 22)
zu einer sehr guten Atmosphäre im gesamten Krisenspiel bei, wodurch
auch „kleinere“ Rollen sehr stark in das Spiel integriert
wurden. Im nächsten Jahr soll aber zur besseren Spieldynamik wieder
versucht werden, eine Teilnehmerzahl von 38 zu erreichen. Eine Erwähnung
im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis des Otto-Suhr-Institutes wäre
dazu sehr hilfreich...
Auswertung:
Der sehr positive Eindruck der ersten Auswertung unmittelbar nach dem
Spiel wurde im ersten Nachtreffen am 20. Juni noch einmal bestätigt,
auch wenn es nicht gelang, die wohl vielfältigen Intrigen im Spiel
aufzudecken. Alle anwesenden TeilnehmerInnen äußerten Interesse,
im nächsten Jarh erneut als SpielerInnen, teilweise auch als „Götter“
teilzunehmen. Noch einmal wurde bestätigt, dass die Situation in
Somalia keine optimistische Sichtweise zulässt. Trotzdem zeigten
sich alle MitspielerInnen sehr zufrieden über ihre Teilnahme und
sparten auch nicht mit Lob für die Organisation durch die Götter.
Eine genauere Auswertung der ausgefüllten Fragebögen befindet
sich im folgenden Teil der Präsentation.
Fazit:
1. Das Spiel war im gesamten Verlauf ein Erfolg, angefangen bei der
inhaltlichen Vorbereitung über das eigentliche Spiel bis hin zur
gemeinsamen Auswertung. Auch wenn das Ergebnis des Spiels, d.h. die
Situation im fiktiven Somalia, in diesem Sinn nicht als positiv zu bewerten
ist, wurde das Prinzip des Rollenspiels als alternative Lernmethode
für politisches Handeln einmal mehr bestätigt. Sowohl die
Aussagen der MitspielerInnen als auch ihr Handeln während des Spiels
lassen diesen Schluss eindeutig zu.
2. Die Nachrichten wurden für die Präsentation zu einem Video
von rund 45 min. zusammengeschnitten, das jedoch nur schwer den Spielverlauf
wiederspiegeln kann. Dagegen kann es einen guten Eindruck über
die Dynamik des Spiels und die Arbeit der Pressegruppe liefern.
3. Die Kommunikation zwischen Göttern und Mitspielern wurde durch
die aktualisierte Homepage des Spiels und regen E-Mail-Kontakt sehr
vereinfacht. Die eigens angemeldete e-group jedoch funktionierte wie
auch im letzten Jahr nicht wie geplant, so dass ein einfaches Verteilerprinzip
eingerichtet wurde. Trotzdem war das Teilnehmerproblem die diesjährige
Achillessehne des Projektes. Durch die fehlende Erwähnung im KVV
des OSI war das Projekt in diesem Semester an seinem Heimatinstitut
nur wenig publik und nachträgliche Anwerbeversuche brachten nur
mäßigen Zulauf. Dazu kam, dass von anfänglich zwanzig
Interessierten innerhalb der Vorbereitungszeit rund fünfzehn absagten
und somit die Teilnehmerzahl ständig schwankte. Problematisch war
dies besonders für die praktische Organisation des Spiels wie auch
für das Spiel selbst. Glücklicherweise jedoch wussten die
SpielerInnen sehr flexibel mit der Situation umzugehen, was für
ihre hohe Motivation spricht.
4. Das Landheim in Wilhelmsaue erwies sich nach der positiven Erfahrung
vom letzten Jahr erneut als geeigneter Austragungsort des Spiels. Gegenüber
dem Spiel von 2001 ging in diesem Jahr auch die Zusammenarbeit mit dem
Personal des Landheims ohne Probleme über die Bühne.
5. Als problematischer erwies sich die Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung,
besonders im Vorfeld der Podiumsdiskussion. Obwohl vor Beginn der Vorbereitungsphase
bereits ausgemacht wurde, dass sich die Stiftung um Referenten für
die Diskussion bemüht, lag es schließlich doch in den Händen
der Organisationsgruppe, Diskutanten zu finden. Der erfolgreiche Ablauf
der Podiumsdiskussion jedoch lässt diese Kritik zurückstehen
und bringt die Hoffnung für eine bessere Absprache im nächsten
Jahr auf.
6. Das diesjährige Team muss im nächsten Jahr mindestens auf
Sabine Schmidt, Anja Fischer und Simon Stettner verzichten, die anderen
Organisatoren entscheiden im Verlauf des Jahres darüber, ob sie
noch einmal göttliche Aufgaben übernehmen wollen. In jedem
Fall aber soll das Krisenspiel auch im nächsten Jahr durchgeführt
werden. Das Team „Somalia“ ist gerne bereit, Erfahrungen
und Ratschläge an die nächste Generation weiterzugeben.
Unser Dank geht an:
Alle TeilnehmerInnen für Engagement und Freude, Stephan Erntner
und Andreas Poltermann von der Heinrich-Böll-Stiftung, unseren
Referenten Sven Chojnacki (WZB), Jasmin Touati (FU), Karl Prinz &
Bernd v. Münchow-Pohl (AA), Mohammed Sahal-Gerlach, Abdurrahman
Aden, Jürgen Tinnemann (MSF) und Mekonnen Mesghena (HBS), Medienzentrum
Brandenburg, Landheim Wilhelmsaue und natürlich dem Wetter.
Berlin, den 02.07. 2002 das „krisenspiel“-Team
Anja Fischer
Christoph Raiser
Claudia Volmerhaus
Jonathan Fahima
Sabine Schmidt
Simon Stettner
Till Schwarze
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