Vicken Cheterian
Journalist, Le monde
diplomatique
Zerfallsbericht eines moralischen Nachrichtenredakteurs
Das wohl prägendste Gefühl, das meine Erinnerung
an das Krisenspiel gefärbt hat, ist Stress. Damit unterscheidet
sich meine Erfahrung kaum von jener der anderen Spieler. Allerdings
war der Anspruch an die Pressegruppe ein anderer. Wir waren dafür
verantwortlich, das Spielgeschehen als Ganzes übersichtlich zu
machen – eine nicht zu bewältigende Bürde.
Am Anfang war alles gut. Stolz und mit hehrer Inbrunst
einigten wir uns auf eine Redaktionslinie. Ganz deutlich sollte auch
meine Stimme für die Schwachen und Unterdrückten dieser
kaukasischen Welt Partei und Einfluss nehmen – für die
geschundene Zivilbevölkerung des Kaukasus. Das Geschehen sollte
abgebildet werden, so wie das bei Abbildungen nur sein kann: zwar
getreu den Fakten, die auf mich einprasselten, jedoch mit Akzenten
und Konnotationen, in deren Setzung die Aufgabe und die Macht des
Abbildenden verborgen sind. Das technische Werkzeug stand zur Verfügung,
nicht aber die Freiheit es so einzusetzen, dass die kaukasische Welt
eine bessere werde. Ganz realistisch fesselten Abhängigkeiten
und die Dunkelheit, in der der überwiegende Teil des Geschehens
gut versteckt war, meine Hände an Kamera und Schnittpult sowie
meine Stimme am Mikrofon.
Der Spielverlauf zeigte bald das wahre Gesicht, die
hässlich entstellte Fratze jener Wirklichkeit, deren Durchdringung
meine Aufgabe war. So wie das Volk des Kaukasus zwischen den Vertretern
höherer Interessen (die meist doch nur sind, woran es den Kaukasiern
mangelt: Geld und Macht) zermalmt wird, wurde ich zum Spielball quasi-himmlischer
Kräfte und sehr irdischer Intrigantinnen und Intriganten. Je
mehr ich mich mühte den Akteuren ihre Interessen und Strategien
oder wenigstens irgendetwas, das diese erahnen ließ, zu entlocken,
desto dreister vorgetragene Phrasen sammelte ich – Phrasen,
der Öffentlichkeit hingeworfen, wie dem Hungernden verschimmeltes
Brot.
Der permanente Zeitdruck tat sein Übriges. Gestürzt
in die Kluft zwischen meinen edlen Absichten und der bitteren, vollkommen
unzulänglich durchschauten und nur marginal beeinflussbaren Wirklichkeit,
fand ich mich wieder in einem schwarzen Sumpf aus Zynismus und Alkohol.
Ein Wochenende Vicken für die Pressefreiheit
– eine Anmaßung!
<<zurueck