projektkrise 2004geschichte

 

Vicken Cheterian
Journalist, Le monde diplomatique

Zerfallsbericht eines moralischen Nachrichtenredakteurs

Das wohl prägendste Gefühl, das meine Erinnerung an das Krisenspiel gefärbt hat, ist Stress. Damit unterscheidet sich meine Erfahrung kaum von jener der anderen Spieler. Allerdings war der Anspruch an die Pressegruppe ein anderer. Wir waren dafür verantwortlich, das Spielgeschehen als Ganzes übersichtlich zu machen – eine nicht zu bewältigende Bürde.

Am Anfang war alles gut. Stolz und mit hehrer Inbrunst einigten wir uns auf eine Redaktionslinie. Ganz deutlich sollte auch meine Stimme für die Schwachen und Unterdrückten dieser kaukasischen Welt Partei und Einfluss nehmen – für die geschundene Zivilbevölkerung des Kaukasus. Das Geschehen sollte abgebildet werden, so wie das bei Abbildungen nur sein kann: zwar getreu den Fakten, die auf mich einprasselten, jedoch mit Akzenten und Konnotationen, in deren Setzung die Aufgabe und die Macht des Abbildenden verborgen sind. Das technische Werkzeug stand zur Verfügung, nicht aber die Freiheit es so einzusetzen, dass die kaukasische Welt eine bessere werde. Ganz realistisch fesselten Abhängigkeiten und die Dunkelheit, in der der überwiegende Teil des Geschehens gut versteckt war, meine Hände an Kamera und Schnittpult sowie meine Stimme am Mikrofon.

Der Spielverlauf zeigte bald das wahre Gesicht, die hässlich entstellte Fratze jener Wirklichkeit, deren Durchdringung meine Aufgabe war. So wie das Volk des Kaukasus zwischen den Vertretern höherer Interessen (die meist doch nur sind, woran es den Kaukasiern mangelt: Geld und Macht) zermalmt wird, wurde ich zum Spielball quasi-himmlischer Kräfte und sehr irdischer Intrigantinnen und Intriganten. Je mehr ich mich mühte den Akteuren ihre Interessen und Strategien oder wenigstens irgendetwas, das diese erahnen ließ, zu entlocken, desto dreister vorgetragene Phrasen sammelte ich – Phrasen, der Öffentlichkeit hingeworfen, wie dem Hungernden verschimmeltes Brot.

Der permanente Zeitdruck tat sein Übriges. Gestürzt in die Kluft zwischen meinen edlen Absichten und der bitteren, vollkommen unzulänglich durchschauten und nur marginal beeinflussbaren Wirklichkeit, fand ich mich wieder in einem schwarzen Sumpf aus Zynismus und Alkohol.

Ein Wochenende Vicken für die Pressefreiheit – eine Anmaßung!

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