projektkrise 2004geschichte

 

Senor Alvaro Gil-Robles y Gil Delgado
Menschenrechts-Kommissar des Europarates

Die Akteursvergabe begann sehr angenehm, da im Internet ausführliche und leicht verständliche Dokumentationen über Delgado verfügbar waren. Über Lebensläufe, Aufgabenbeschreibungen und das sehr kurze Mandat seines Postens war alles schnell über Google und die Seiten des European Council aufzufinden.
Im gleichen Maße, in dem sich die Steckbriefgestaltung vereinfachte, erschwerte sich für mich die spielerische Annäherung an meinen Charakter. Denn Delgados Kompetenzen waren leicht überschaubar, da praktisch nicht vorhanden. Er hat kein eigenes Budget, keine rechtliche Gewalt, ja er vertritt nicht eine einzige Regierung beziehungsweise könnte für sie sprechen. Sein ausschließliches Werkzeug ist die Grundrechtecharta. Wie sich jemand im Spiel für die interessieren sollte, war mir zunächst schleierhaft. Und wie sich im Verlauf des Spiels rasch herausstellen sollte, war sie tatsächlich jedem egal. Zuletzt auch mir selbst.
Die Beschreibung meines Charakters war zunächst geglückt, und auch die Aufgabenbereiche hatte ich deutlich vor Augen. Da Delgado real viel mit den Leuten vor Ort spricht, Treffen mit der lokalen Zivilgesellschaft arrangiert und seinen Berichten innerhalb der europäischen Staaten einiges Gewicht beigemessen wird, hat er gewisse Möglichkeiten, die ich im Spiel nicht hatte. Es gab (klugerweise) keinen Vertreter der Zivilbevölkerung, die europäischen Regierungen spielten ebenfalls nicht mit, so dass ich auf mich allein gestellt war. Dies besonders, als auch die OSZE sich, da krank, als handlungsunfähig herausstellte.

Schnell wurde deutlich, wie sehr ein europäischer Akteur fehlte. Russland interessierte sich nicht ansatzweise für meine Drohungen, sie aus dem Europarat zu werfen (was mir im Übrigen von den Göttern nicht einmal erlaubt war). Dieses informelle Treffen mit Putin in einer der ersten Spielrunden machte deutlich, wie wenig interessant eine im Krisenspiel faktisch machtlose Organisation wie der Europarat ist. Druck ausüben konnte ich nicht (was in der Realität mit dem Entzug des Stimmrechts gegen Russland ein sehr wirksames Mittel war, den Dialog wieder aufzunehmen), so dass ich mich alsbald um die Türkei bemühte.
Mit dem türkischen Außenminister Gül besprach ich die künftige Rolle des Noch-Nicht-EU-Kandidaten. Dabei versprach ich, nach der Lösung einiger Fragen - unter anderem dem Kurdenkonflikt und vor allem dem Wirken auf kaukasische Mächte zur Herbeiführung friedlicher Lösungen ihrer eigenen Konflikte – der Türkei, eine rasche Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU zu erreichen. Dieser Zug wurde in Runde 4 (Zug 200) als Kompetenzüberschreitung ausgelegt. Nachdem Putin unbeeindruckt blieb und ich der Türkei auf ehrlichem Wege ebenfalls nichts anbieten konnte, höchstens als vages Versprechen, blieb nach Ende der vierten Runde am Freitag nur zu überlegen, wie ich selber den neu erkundeten Rahmen der Spielmöglichkeiten ausfüllen konnte. Ich entschied mich für die Korruption und den illegalen Waffenhandel. Dass dieser ausgerechnet in Hilfskonvois möglich werden sollte, steigerte meinen Ehrgeiz beträchtlich. Der größte Erfolg des Freitags war die Fähigkeit, EU-Soldaten in den Kaukasus zu entsenden, welche die georgisch-abchasische Grenze gemeinsam mit russischen und amerikanischen Kräften zu sichern hatten.

Kurzes Resümee Freitag:
Russland und der Türkei konnte ich nichts anbieten, was spielerisch sinnvoll gewesen wäre. Mit Armenien und Aserbaidschan hatte ich praktisch keine Kontakte, lediglich zu beider Länder Opposition. Das größte Zugeständnis der Götter war die Möglichkeit, EU-Truppen in den Kaukasus zu befehlen. Die Befehlsgewalt über diese wanderte aber fast unverzüglich in die Hände des UN-Sicherheitsrates, in dem von 5 Akteuren mit den USA und Russland nur 2 vertreten waren. Beide europäischen Mitglieder blieben unbesetzt. Europa fehlte.

Nette Unterhaltungen am Freitag Abend nach dem Fußballspielen (fast der einzigen Tätigkeit des gesamten Krisenspiels, in dem ich das „Spiel“ vergessen konnte) mit Nachotschi und Kobra brachten mich auf die Idee mit den Waffentransporten. Hiernach und in den nächsten beiden Tagen traf ich mich öfter zwanglos mit weiteren Akteuren, besonders meinem realen Mitbewohner Lukrerbaya, um Gedanken auszutauschen. Mein Favorit war, die Moskauer U-Bahn zu entführen, mit Sprengstoff zu bestücken, die Bahnstrecke weiterzufahren und an jedem U-Bahnhof eine Geisel zu erschießen, bis die (irgendwelche!) Forderungen erfüllt sind. Möglich gewesen wäre auch, diesen Terror einer anderen Gruppe in die Schuhe zu schieben. Von solchen Vorschlägen hatte ich als Charakter nicht viel, aber ich bekam deutlichen Eindruck in die Spielweise der anderen Akteure. Zu friedfertige Leute waren abgeschreckt, während ich mit dem Waldbruder bald über Drogen verhandelte (wobei sich dieser als für mich zu gefährlich erwies, woraufhin er mich entführte, was mir zum Ende hin sehr gelegen kam, weil es einen Grund für meinen Rücktritt bildete). Vor allem da Heidi die gesamte Arbeit mit dieser unsagbaren Friedenstruppe auf sich genommen hatte und ich mich überhaupt nicht mehr - außer zur Tarnung - um Menschenrechte sorgte, bekam ich wie von selbst freie Bahn, ja es wurde gelegentlich beinahe langweilig.
Putin sicherte mir wegen eines geplanten Komplotts am Samstag eine Datscha am Schwarzen Meer zu. Darauf ruhte ich mich eine Zeit lang aus, da auch Putins Forderungen sehr moderat waren (in Armenien Neuwahlen fordern). Ich kann nicht sagen, wie viele Akteure jetzt schon von meinen Machenschaften wussten. Fakt ist, dass Nachotschi mindestens Putin etwas erzählt haben muss. Vielleicht nicht genug für ein mögliches Verfahren, aber genug um zu gütlicher Einigung zu kommen.

Samstag Abend kam es zur Party und damit zum faszinierendsten Teil des ganzen Krisenspiels. Es war eine verdammt gute Party, die Musik war gut, die Stimmung großartig. Und in der Luft hing immer wieder für kurze Momente eine grandiose Spannung. Ich ging zum Klo, sah Rumsfeld und den neuen OSZE-Beauftragten miteinander auf der Treppe tuscheln, war sofort wieder mittendrin und rannte zu irgendwem, etwas abklären usw. Am Ende war ich sicher, ich würde Sonntag früh ein Aktienpaket und eine Villa mit Pool und Golfplatz in Las Vegas von den Amerikanern bekommen, wenn ich nur genügend scharfen Protest gegen Fritz Pleitgen erheben würde. Da ich außerdem immer noch als entführt galt, wollte ich dies gleich mit meinem Rücktritt verbinden. In den Nachrichten würde das erst vor Beginn der letzten Runde erscheinen, und niemand würde sich um mich kümmern. Der Plan war gut, aber mittlerweile hatte ich herausgefunden, dass Jawlinski einen Putsch plante mit Hilfe des russischen Militär- und des Geheimdienstchefs. Putin hatte ich am Nachmittag schon gewarnt, der hatte sich aber nicht gebührend für meine Warnungen interessiert. Ich selber vergaß sie bald, und erst während der Party kam alles wieder ins Bewusstsein. Jawlinski hätte mir gefährlich werden können. Mir war bekannt dass die Amerikaner die russische Opposition unterstützen. Meine Datscha war Putins Werk. Putin sollte gestürzt werden. Nicht gut.
Zusammen war der Plan, mit einem der Hilfstransporte Waffen zu schmuggeln, Jawlinski auf den Beifahrersitz eines Wagens zu packen und dann eine Routinekontrolle an der tschetschenischen Grenze durchzuführen. Das Ergebnis wäre Haft für Jawlinski gewesen. Das verboten die Götter meines Wissens nach, aber Jawlinski bekam Wind davon. Ich musste herausbekommen, ob er von den Waffen und vor allem von meiner Mitwisserschaft wusste. Knifflig, aber machbar. Mein vielleicht perfidester Zug nahm Gestalt an. Ich setzte mich zu Anna, einer Göttin, und plauderte mit ihr. Dass ich sie mag, freute mich besonders. Denn mein Spielziel rückte in greifbarere Nähe: Zurücktreten und mich schnell absetzen. Wir redeten einige Zeit, Anna war „beeindruckt“ von meiner Scham- und Charakterlosigkeit, und bald kam die Sprache auf den russischen Oppositionellen. Ich musste sie lange bearbeiten, bis ich herausbekam, dass er über meine Pläne informiert war. Das Spiel ging weiter.
Jawlinski zeigte mit keiner Miene, dass er mich durchschaut hatte. Mir war ja nicht einmal bekannt, seit wann er schon informiert war. Alleine wäre ich nie darauf gekommen. Ich log ihm also vor, ich hätte zwar alles mit geplant, aber es dann platzen lassen, weil Putin mir einfach viel zu wenig Geld geboten hätte. Er spielte überrascht, dass ich involviert war. Vielleicht war er es auch wirklich. Wie auch immer, an mir bestand von seiner Seite aus (wenn es je bestanden hatte) von da an kein Interesse mehr. So ging die Party weiter, bis ich endlich schlafen konnte. Nicht lang, denn jedes Mal bin ich weit vor dem Wecken aufgewacht, und mein erster Gedanke war immer der an einen grünen Zettel und ein kleines Siegel.

Kurzes Resümee Samstag:
Mein erster durch und durch korrupter Tag nach einer 180-Grad-Wendung meines Charakters. Die Waffenlieferungen klappten tadellos, meine Tarnung stand - wo sie es musste - , mein schweizer Bankkonto wurde voller, und an der russischen Datscha störte mich nur, dass es die einzige war die ich hatte. Das Spiel wurde interessanter. Noch immer fehlte mir die EU, und ich vermute, hätte ich sie ebenfalls vertreten können, wäre ich nicht korrupt geworden. Für mich war es der Ausweg aus einer mangels Kompetenzen sinnlosen Spielsituation. Die Anforderungen und Anstrengungen des Krisenspiels wurden deutlicher, ich war erschöpft und müde, lange aber bin ich nicht auf so einer geilen Party gewesen.

Der letzte Tag brach an, ich ging früh frühstücken und verhandelte als erstes mit Rumsfeld. Damit war ich aus dem Schneider. Gerade wurde bekannt, dass ich wieder frei war, und ich reichte gleichzeitig meinen Rücktritt ein. Mein Misstrauen gegen Nachotschi war verschwunden, als er mir seine Villa anbot und später noch seinen Privatjet, mit dem wir uns zusammen aus Moskau absetzen wollten. Da war ich zwar schon mit einem One-Way-Ticket auf dem Weg in die USA, aber nett war es trotzdem. Im Gegenzug sollte ich alle Ermittlungen gegen ihn in der Europäischen Union einstellen lassen, was mir wieder nicht gestattet wurde. In Ordnung, es hatte für die letzten beiden Runden auch keine Bedeutung mehr. Ich war in der letzten Spielrunde schon aus allem raus, wodurch es für mich bedeutend einfacher wurde, die Rolle abzugeben. Nichts blieb unerledigt zurück, und Gefahr bestand für mich nicht, weil mein Charakter im internationalen Geschehen zu unwichtig war. Alle waren mit ihrem großartigen drohenden Dritten Weltkrieg beschäftigt, viel zu sehr um mich an irgendwen auszuliefern.
Das Ablegen der Spielrollen war sehr gut, in der Art wie auch im Zeitrahmen. Weniger wäre ungenügend gewesen, und die Methode war sehr gut geeignet, den Charakter wirklich abzulegen. Über den Sonntag werde ich kein Resümee geben, er war spielerisch für mich zu schnell erledigt. Beeindruckt war ich noch von der Art, wie sich die Begegnung mit den anderen Mitspielern wandelte. Bisher hatte ich sie fast ausschließlich als Akteur wahrgenommen, und ganz langsam bahnte sich ein echter Eindruck in mein Bewusstsein. Dies ist besonders faszinierend, weil die Filter, anhand derer ich Menschen gewöhnlich ihren ersten Eindruck abverlange, zu einem Zeitpunkt in Aktion traten, da sie schon lange überflüssig geworden waren. Ich denke, zu vielen dieser Kommilitonen wird es längere Zeit ein sehr seltsames und merkwürdiges Verhältnis geben. Und vielleicht ist es gerade das, was für mich das Krisenspiel besonders prägend gestaltete und noch immer gestaltet. Auch weil es die psychologischen Gefahren verdeutlicht, die das Krisenspiel neben allen anderen Besonderheiten bedeutet.