Senor
Alvaro Gil-Robles y Gil Delgado
Menschenrechts-Kommissar des Europarates
Die Akteursvergabe
begann sehr angenehm, da im Internet ausführliche und leicht
verständliche Dokumentationen über Delgado verfügbar
waren. Über Lebensläufe, Aufgabenbeschreibungen und das
sehr kurze Mandat seines Postens war alles schnell über Google
und die Seiten des European Council aufzufinden.
Im gleichen Maße, in dem sich die Steckbriefgestaltung vereinfachte,
erschwerte sich für mich die spielerische Annäherung an
meinen Charakter. Denn Delgados Kompetenzen waren leicht überschaubar,
da praktisch nicht vorhanden. Er hat kein eigenes Budget, keine rechtliche
Gewalt, ja er vertritt nicht eine einzige Regierung beziehungsweise
könnte für sie sprechen. Sein ausschließliches Werkzeug
ist die Grundrechtecharta. Wie sich jemand im Spiel für die interessieren
sollte, war mir zunächst schleierhaft. Und wie sich im Verlauf
des Spiels rasch herausstellen sollte, war sie tatsächlich jedem
egal. Zuletzt auch mir selbst.
Die Beschreibung meines Charakters war zunächst geglückt,
und auch die Aufgabenbereiche hatte ich deutlich vor Augen. Da Delgado
real viel mit den Leuten vor Ort spricht, Treffen mit der lokalen
Zivilgesellschaft arrangiert und seinen Berichten innerhalb der europäischen
Staaten einiges Gewicht beigemessen wird, hat er gewisse Möglichkeiten,
die ich im Spiel nicht hatte. Es gab (klugerweise) keinen Vertreter
der Zivilbevölkerung, die europäischen Regierungen spielten
ebenfalls nicht mit, so dass ich auf mich allein gestellt war. Dies
besonders, als auch die OSZE sich, da krank, als handlungsunfähig
herausstellte.
Schnell
wurde deutlich, wie sehr ein europäischer Akteur fehlte. Russland
interessierte sich nicht ansatzweise für meine Drohungen, sie
aus dem Europarat zu werfen (was mir im Übrigen von den Göttern
nicht einmal erlaubt war). Dieses informelle Treffen mit Putin in
einer der ersten Spielrunden machte deutlich, wie wenig interessant
eine im Krisenspiel faktisch machtlose Organisation wie der Europarat
ist. Druck ausüben konnte ich nicht (was in der Realität
mit dem Entzug des Stimmrechts gegen Russland ein sehr wirksames Mittel
war, den Dialog wieder aufzunehmen), so dass ich mich alsbald um die
Türkei bemühte.
Mit dem türkischen Außenminister Gül besprach ich
die künftige Rolle des Noch-Nicht-EU-Kandidaten. Dabei versprach
ich, nach der Lösung einiger Fragen - unter anderem dem Kurdenkonflikt
und vor allem dem Wirken auf kaukasische Mächte zur Herbeiführung
friedlicher Lösungen ihrer eigenen Konflikte – der Türkei,
eine rasche Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU zu erreichen.
Dieser Zug wurde in Runde 4 (Zug 200) als Kompetenzüberschreitung
ausgelegt. Nachdem Putin unbeeindruckt blieb und ich der Türkei
auf ehrlichem Wege ebenfalls nichts anbieten konnte, höchstens
als vages Versprechen, blieb nach Ende der vierten Runde am Freitag
nur zu überlegen, wie ich selber den neu erkundeten Rahmen der
Spielmöglichkeiten ausfüllen konnte. Ich entschied mich
für die Korruption und den illegalen Waffenhandel. Dass dieser
ausgerechnet in Hilfskonvois möglich werden sollte, steigerte
meinen Ehrgeiz beträchtlich. Der größte Erfolg des
Freitags war die Fähigkeit, EU-Soldaten in den Kaukasus zu entsenden,
welche die georgisch-abchasische Grenze gemeinsam mit russischen und
amerikanischen Kräften zu sichern hatten.
Kurzes
Resümee Freitag:
Russland und der Türkei konnte ich nichts anbieten, was spielerisch
sinnvoll gewesen wäre. Mit Armenien und Aserbaidschan hatte ich
praktisch keine Kontakte, lediglich zu beider Länder Opposition.
Das größte Zugeständnis der Götter war die Möglichkeit,
EU-Truppen in den Kaukasus zu befehlen. Die Befehlsgewalt über
diese wanderte aber fast unverzüglich in die Hände des UN-Sicherheitsrates,
in dem von 5 Akteuren mit den USA und Russland nur 2 vertreten waren.
Beide europäischen Mitglieder blieben unbesetzt. Europa fehlte.
Nette
Unterhaltungen am Freitag Abend nach dem Fußballspielen (fast
der einzigen Tätigkeit des gesamten Krisenspiels, in dem ich
das „Spiel“ vergessen konnte) mit Nachotschi und Kobra
brachten mich auf die Idee mit den Waffentransporten. Hiernach und
in den nächsten beiden Tagen traf ich mich öfter zwanglos
mit weiteren Akteuren, besonders meinem realen Mitbewohner Lukrerbaya,
um Gedanken auszutauschen. Mein Favorit war, die Moskauer U-Bahn zu
entführen, mit Sprengstoff zu bestücken, die Bahnstrecke
weiterzufahren und an jedem U-Bahnhof eine Geisel zu erschießen,
bis die (irgendwelche!) Forderungen erfüllt sind. Möglich
gewesen wäre auch, diesen Terror einer anderen Gruppe in die
Schuhe zu schieben. Von solchen Vorschlägen hatte ich als Charakter
nicht viel, aber ich bekam deutlichen Eindruck in die Spielweise der
anderen Akteure. Zu friedfertige Leute waren abgeschreckt, während
ich mit dem Waldbruder bald über Drogen verhandelte (wobei sich
dieser als für mich zu gefährlich erwies, woraufhin er mich
entführte, was mir zum Ende hin sehr gelegen kam, weil es einen
Grund für meinen Rücktritt bildete). Vor allem da Heidi
die gesamte Arbeit mit dieser unsagbaren Friedenstruppe auf sich genommen
hatte und ich mich überhaupt nicht mehr - außer zur Tarnung
- um Menschenrechte sorgte, bekam ich wie von selbst freie Bahn, ja
es wurde gelegentlich beinahe langweilig.
Putin sicherte mir wegen eines geplanten Komplotts am Samstag eine
Datscha am Schwarzen Meer zu. Darauf ruhte ich mich eine Zeit lang
aus, da auch Putins Forderungen sehr moderat waren (in Armenien Neuwahlen
fordern). Ich kann nicht sagen, wie viele Akteure jetzt schon von
meinen Machenschaften wussten. Fakt ist, dass Nachotschi mindestens
Putin etwas erzählt haben muss. Vielleicht nicht genug für
ein mögliches Verfahren, aber genug um zu gütlicher Einigung
zu kommen.
Samstag
Abend kam es zur Party und damit zum faszinierendsten Teil des ganzen
Krisenspiels. Es war eine verdammt gute Party, die Musik war gut,
die Stimmung großartig. Und in der Luft hing immer wieder für
kurze Momente eine grandiose Spannung. Ich ging zum Klo, sah Rumsfeld
und den neuen OSZE-Beauftragten miteinander auf der Treppe tuscheln,
war sofort wieder mittendrin und rannte zu irgendwem, etwas abklären
usw. Am Ende war ich sicher, ich würde Sonntag früh ein
Aktienpaket und eine Villa mit Pool und Golfplatz in Las Vegas von
den Amerikanern bekommen, wenn ich nur genügend scharfen Protest
gegen Fritz Pleitgen erheben würde. Da ich außerdem immer
noch als entführt galt, wollte ich dies gleich mit meinem Rücktritt
verbinden. In den Nachrichten würde das erst vor Beginn der letzten
Runde erscheinen, und niemand würde sich um mich kümmern.
Der Plan war gut, aber mittlerweile hatte ich herausgefunden, dass
Jawlinski einen Putsch plante mit Hilfe des russischen Militär-
und des Geheimdienstchefs. Putin hatte ich am Nachmittag schon gewarnt,
der hatte sich aber nicht gebührend für meine Warnungen
interessiert. Ich selber vergaß sie bald, und erst während
der Party kam alles wieder ins Bewusstsein. Jawlinski hätte mir
gefährlich werden können. Mir war bekannt dass die Amerikaner
die russische Opposition unterstützen. Meine Datscha war Putins
Werk. Putin sollte gestürzt werden. Nicht gut.
Zusammen war der Plan, mit einem der Hilfstransporte Waffen zu schmuggeln,
Jawlinski auf den Beifahrersitz eines Wagens zu packen und dann eine
Routinekontrolle an der tschetschenischen Grenze durchzuführen.
Das Ergebnis wäre Haft für Jawlinski gewesen. Das verboten
die Götter meines Wissens nach, aber Jawlinski bekam Wind davon.
Ich musste herausbekommen, ob er von den Waffen und vor allem von
meiner Mitwisserschaft wusste. Knifflig, aber machbar. Mein vielleicht
perfidester Zug nahm Gestalt an. Ich setzte mich zu Anna, einer Göttin,
und plauderte mit ihr. Dass ich sie mag, freute mich besonders. Denn
mein Spielziel rückte in greifbarere Nähe: Zurücktreten
und mich schnell absetzen. Wir redeten einige Zeit, Anna war „beeindruckt“
von meiner Scham- und Charakterlosigkeit, und bald kam die Sprache
auf den russischen Oppositionellen. Ich musste sie lange bearbeiten,
bis ich herausbekam, dass er über meine Pläne informiert
war. Das Spiel ging weiter.
Jawlinski zeigte mit keiner Miene, dass er mich durchschaut hatte.
Mir war ja nicht einmal bekannt, seit wann er schon informiert war.
Alleine wäre ich nie darauf gekommen. Ich log ihm also vor, ich
hätte zwar alles mit geplant, aber es dann platzen lassen, weil
Putin mir einfach viel zu wenig Geld geboten hätte. Er spielte
überrascht, dass ich involviert war. Vielleicht war er es auch
wirklich. Wie auch immer, an mir bestand von seiner Seite aus (wenn
es je bestanden hatte) von da an kein Interesse mehr. So ging die
Party weiter, bis ich endlich schlafen konnte. Nicht lang, denn jedes
Mal bin ich weit vor dem Wecken aufgewacht, und mein erster Gedanke
war immer der an einen grünen Zettel und ein kleines Siegel.
Kurzes
Resümee Samstag:
Mein erster durch und durch korrupter Tag nach einer 180-Grad-Wendung
meines Charakters. Die Waffenlieferungen klappten tadellos, meine
Tarnung stand - wo sie es musste - , mein schweizer Bankkonto wurde
voller, und an der russischen Datscha störte mich nur, dass es
die einzige war die ich hatte. Das Spiel wurde interessanter. Noch
immer fehlte mir die EU, und ich vermute, hätte ich sie ebenfalls
vertreten können, wäre ich nicht korrupt geworden. Für
mich war es der Ausweg aus einer mangels Kompetenzen sinnlosen Spielsituation.
Die Anforderungen und Anstrengungen des Krisenspiels wurden deutlicher,
ich war erschöpft und müde, lange aber bin ich nicht auf
so einer geilen Party gewesen.
Der letzte
Tag brach an, ich ging früh frühstücken und verhandelte
als erstes mit Rumsfeld. Damit war ich aus dem Schneider. Gerade wurde
bekannt, dass ich wieder frei war, und ich reichte gleichzeitig meinen
Rücktritt ein. Mein Misstrauen gegen Nachotschi war verschwunden,
als er mir seine Villa anbot und später noch seinen Privatjet,
mit dem wir uns zusammen aus Moskau absetzen wollten. Da war ich zwar
schon mit einem One-Way-Ticket auf dem Weg in die USA, aber nett war
es trotzdem. Im Gegenzug sollte ich alle Ermittlungen gegen ihn in
der Europäischen Union einstellen lassen, was mir wieder nicht
gestattet wurde. In Ordnung, es hatte für die letzten beiden
Runden auch keine Bedeutung mehr. Ich war in der letzten Spielrunde
schon aus allem raus, wodurch es für mich bedeutend einfacher
wurde, die Rolle abzugeben. Nichts blieb unerledigt zurück, und
Gefahr bestand für mich nicht, weil mein Charakter im internationalen
Geschehen zu unwichtig war. Alle waren mit ihrem großartigen
drohenden Dritten Weltkrieg beschäftigt, viel zu sehr um mich
an irgendwen auszuliefern.
Das Ablegen der Spielrollen war sehr gut, in der Art wie auch im Zeitrahmen.
Weniger wäre ungenügend gewesen, und die Methode war sehr
gut geeignet, den Charakter wirklich abzulegen. Über den Sonntag
werde ich kein Resümee geben, er war spielerisch für mich
zu schnell erledigt. Beeindruckt war ich noch von der Art, wie sich
die Begegnung mit den anderen Mitspielern wandelte. Bisher hatte ich
sie fast ausschließlich als Akteur wahrgenommen, und ganz langsam
bahnte sich ein echter Eindruck in mein Bewusstsein. Dies ist besonders
faszinierend, weil die Filter, anhand derer ich Menschen gewöhnlich
ihren ersten Eindruck abverlange, zu einem Zeitpunkt in Aktion traten,
da sie schon lange überflüssig geworden waren. Ich denke,
zu vielen dieser Kommilitonen wird es längere Zeit ein sehr seltsames
und merkwürdiges Verhältnis geben. Und vielleicht ist es
gerade das, was für mich das Krisenspiel besonders prägend
gestaltete und noch immer gestaltet. Auch weil es die psychologischen
Gefahren verdeutlicht, die das Krisenspiel neben allen anderen Besonderheiten
bedeutet.