Abdullah Gül
Außenminister der Türkei
Meine im Bus formulierten Spielziele waren:
• Durchsetzung des Grundsatzdokumentes der Minsk-Gruppe (Vermittlung!)
• Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Armenien (Bedingung:
Aufgabe der Gebietsansprüche + Beendigung der "Völkermordslüge")
• friedliche Konfliktlösung in Georgien (Kodori-Tal) im
US-amerikanischen Sinn
• zur Not Unterstützung US-amerikanischer Truppen im Berg-Karabach-Konflikt
• Zurückdrängung des iranischen Einflusses (keine
Vermittlerrolle für Teheran!)
• erfolgreiche Beendigung des Pipeline-Baus (BTC) - notfalls
Zuhilfenahme finanzieller Mittel
• Anerkennung der EU gewinnen um sich als Beitrittskandidatin
zu profilieren
Das waren meine Ziele, nachdem ich das Szenario im
Bus gelesen hatte. Einige der Punkte kamen überhaupt nie zur
Sprache während der gesamten Simulation - so war nie die Rede
von der Minsk-Gruppe. Außerdem fehlte ein für die Türkei
unheimlich wichtiger Akteur: die EU.
Eine konkrete Strategie legte ich mir nicht zurecht, dazu wollte ich
zunächst meine Partner USA konsultieren.
1. Runde
Gleich zu Beginn des Spiels nahm ich enge Verbindung mit den USA auf
und wir verabschiedeten eine gemeinsame Pressemitteilung, um den Iran
zurückzudrängen und seine angestrebte Vermittlerrolle im
Berg-Karabach-Konflikt zu verurteilen.
Ich orientierte mich dabei stark an den vorher formulierten Spielzielen.
Außerdem plante ich meine Teilnahme am Trauerakt Alievs zu einem
Presse-Event auszuweiten, leider wurde dieses nicht aufgenommen...
2. Runde
Immer noch hatte ich genügend Zeit, um eine kreative Friedmann-Aktion
zu planen (wurde abgelehnt) und humanitäre Hilfe für die
tschetschenische Bevölkerung zu bewilligen. Da Bassajew auch
gerade nichts zu tun hatte (so viel zu Entscheidungsfindung!) vereinbarten
wir eine Vorzugsbehandlung türkischer Wirtschaftsinteressen im
Falle der Befreiung Tschetscheniens.
Endlich schenkte mir der armenische Ministerpräsident seine Aufmerksamkeit,
ganz im Sinne der Türkei wurden regelmäßige Treffen
vereinbart.
Auch fand der erste Pipeline-Gipfel in der US-amerikanischen Botschaft
statt, dabei wurde aber lediglich Unterstützung für den
Bau der Pipeline bekräftigt.
Insgesamt verlief die Runde ganz im Sinne der Spielziele.
3. Runde
Die Pipeline-Verhandlungen liefen weiter, es wurde eine gemeinsame
Truppe zum Schutz des Pipeline-Baus vereinbart. Um eventuell erfolgreichere
Verhandlungen im Berg-Karabach führen zu können, vereinbarte
ich mit dem Iran eine geheime Vermittlungs-Initiative ohne die USA,
die aber im Endeffekt nie ergriffen wurde. Stattdessen zogen es die
im Berg-Karabach-Konflikt verwickelten Parteien vor, alleine zu verhandeln.
Die Türkei bemühte sich mit entsprechenden Verträgen
darum, trotzdem nach Beendigung der Verhandlungen als Vermittler da
zu stehen.
Weiterhin kooperierte die Türkei gut mit Armenien und war bereit,
eine Sicherheitsgarantie gegenüber Armenien abzugeben.
4. Runde
Durch ein Gespräch mit dem Europarat-Beauftragten wurde die Türkei
darauf hingewiesen, dass sie die Opposition in Armenien unterstützen
solle, da die vorhergegangenen Wahlen undemokratisch abgelaufen seien.
Eine entsprechende Unterstützung hätte positive Menschenrechtsberichte
zur Folge. Eiin entsprechender Vertrag mit dem Waldbruder wurde leider
nicht genehmigt.
Nach schwierigen Verhandlungen versuchte ich ein großes Zugeständnis
der Türkei in Form einer Entschuldigung für "grausame
Verbrechen" zu erreichen, dieses wurde aber von den Göttern
abgelehnt. Nach der Ablehnung befanden sich sowohl Armenien als auch
Türkei in einer hilflosen Situation: keiner der beiden Parteien
würde ein Zugeständnis erlaubt werden - aber wie sollte
eine Einigung ohne Zugeständnis erreicht werden?
Da ich mit den Geschehnissen in Georgien überhaupt nichts zu
tun hatte, genehmigte ich lediglich die Durchfahrt der "Kitty
Hawk" durch das Schwarze Meer und vertraute meinen amerikanischen
Spielpartnern.
5. Runde
In dieser Runde wurden zunächst einige Soft-Security-Maßnahmen
ergriffen: Europa, OSZE und die UN sollten Türkei, Aserbaidschan,
Georgien und die USA im Kampf gegen Terrorismus und Korruption unterstützen.
Gleichzeitig verschärfte sich die Situation in Georgien und nach
einer kurzen Besprechung mit meinem georgischen Partner beschloss
ich, Truppen zur Unterstützung an die adscharische Grenze zu
schicken, ohne mir groß Gedanken zu machen.
An dem von den UN initiierten Friedensplan in Georgien war ich zwar
als Unterzeichner dabei – allerdings bekam ich nach wie vor
nicht wirklich mit, was dort im Gange war, da ich viel zu sehr mit
regional näher liegenden Konflikten beschäftigt war.
6. Runde
So liefen hier die ganze Runde über harte Verhandlungen über
die „Korridor“-Lösung im Berg-Karabach-Konflikt weiter,
doch die sture Haltung Aserbaidschans ließ es trotz Zugeständnissen
aller Parteien nicht zu einer Kompromiss-Lösung kommen.
7. Runde
Neben dieser Enttäuschung verlief aber alles nach Plan: der Pipeline-Bau
wurde vorangetrieben, gemeinsam mit den USA gab es eine weitere Verurteilung
Iraks (der hatte versucht, sich in die inneren Angelegenheiten Aserbaidschans
einzumischen) und der Einsatz der UN-Truppen begann (mit unserer Beteiligung)
erfolgreich.
8. Runde
Das gab genügend Zeit für weitere kreative Maßnahmen:
gemeinsam mit Gil Robles initiierte ich ein Bündnis für
regenerative Energien im Kaukasus und es gelang mir, mich ein Stück
weit aus der Energie-Abhängigkeit von Russland zu befreien ;-)
Mit der Begründung des transkaukasischen Stabilitätspaktes
wurde endgültig besiegelt, dass auch Armenien auf die Seite der
USA gewechselt hatte. Sogleich versuchten wir auch, Russland negativ
in die Presse zu bringen. Nach einem Gespräch mit dem Vertreter
von Adscharien, in dem er mir empört klar gemacht hatte, er fühle
sich massiv bedroht, beschloss ich nach Rücksprache mit Georgien,
meinen Freundschaftsdienst zu beenden und meine Truppen wieder zurückzuziehen.
9.Runde
ESKALATION: Ohne den genauen Überblick zu haben, noch im geringsten
davon eine Ahnung zu haben, wie und was für Truppen man wann
wohin schickt, schickte ich auf Anraten meiner amerikanischen Freunde
einfach Truppen nach Georgien. Meine Verwirrung wird anhand der Tatsache
deutlich, dass ich nach einem Gespräch mit dem Vertreter des
Europarates, der mir versicherte, an einen EU-Beitritt sei bei so
einer Handlung nicht mehr zu denken, einfach meine Truppen wieder
abziehen wollte (wurde nicht genehmigt). Dennoch blieb ich, sehr zum
Ärger meiner amerikanischen Freunde, den ganzen Abend lang im
Ungewissen.
10.+11. Runde
Ich hatte eigentlich gar nichts mehr zu sagen: am dritten Weltkrieg
war ich zwar irgendwie beteiligt, aber an den dazu relevanten Entscheidungen
gar nicht. Im Berg-Karabach-Konflilkt gab es überhaupt keine
Fortschritte mehr und genauso waren meine übrigen Ziele angesichts
des riesigen Konfliktes in den Hintergrund gerückt. Einen Schrecken
jagte mir noch Fritz Pleitgen ein, der offensichtlich versuchte, in
der Presse Rache an mir zu nehmen. Ich bekam aber glücklicherweise
Rückendeckung von den USA.
Fazit:
• Ich bemühte mich zwar oft, meine Spielziele durchzusetzen,
doch fühlte mich häufig als kleiner Spielball, da ich vor
allem von den USA abhängig war
• Meine wichtigsten Entscheidungen wurden oft unüberlegt
getroffen aus der Annahme heraus, man müsse angesichts der dramatischen
Entwicklungen schnell handeln
• Ich hatte keine deutliche Strategie, werde mir so eine das
nächste Mal aber sicherlich ausdenken...
• Ich war angesichts meiner oft korrupten Spielpartner meist
viel zu vertrauensvoll ihnen gegenüber und griff selbst kaum
zu illegalen Mitteln
• Ich war insgesamt erschrocken, wie leicht ich in einem solchen
Spiel Truppen hin- und herschicken konnte, zumal das Ganze natürlich
ein „Spiel“ war, ich aber schon das Gefühl hatte,
in diesem Spiel „gefangen“ zu sein
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