projektkrise 2004geschichte

 

Abdullah Gül
Außenminister der Türkei

Meine im Bus formulierten Spielziele waren:
• Durchsetzung des Grundsatzdokumentes der Minsk-Gruppe (Vermittlung!)
• Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Armenien (Bedingung: Aufgabe der Gebietsansprüche + Beendigung der "Völkermordslüge")
• friedliche Konfliktlösung in Georgien (Kodori-Tal) im US-amerikanischen Sinn
• zur Not Unterstützung US-amerikanischer Truppen im Berg-Karabach-Konflikt
• Zurückdrängung des iranischen Einflusses (keine Vermittlerrolle für Teheran!)
• erfolgreiche Beendigung des Pipeline-Baus (BTC) - notfalls Zuhilfenahme finanzieller Mittel
• Anerkennung der EU gewinnen um sich als Beitrittskandidatin zu profilieren

Das waren meine Ziele, nachdem ich das Szenario im Bus gelesen hatte. Einige der Punkte kamen überhaupt nie zur Sprache während der gesamten Simulation - so war nie die Rede von der Minsk-Gruppe. Außerdem fehlte ein für die Türkei unheimlich wichtiger Akteur: die EU.
Eine konkrete Strategie legte ich mir nicht zurecht, dazu wollte ich zunächst meine Partner USA konsultieren.
1. Runde
Gleich zu Beginn des Spiels nahm ich enge Verbindung mit den USA auf und wir verabschiedeten eine gemeinsame Pressemitteilung, um den Iran zurückzudrängen und seine angestrebte Vermittlerrolle im Berg-Karabach-Konflikt zu verurteilen.
Ich orientierte mich dabei stark an den vorher formulierten Spielzielen.
Außerdem plante ich meine Teilnahme am Trauerakt Alievs zu einem Presse-Event auszuweiten, leider wurde dieses nicht aufgenommen...
2. Runde
Immer noch hatte ich genügend Zeit, um eine kreative Friedmann-Aktion zu planen (wurde abgelehnt) und humanitäre Hilfe für die tschetschenische Bevölkerung zu bewilligen. Da Bassajew auch gerade nichts zu tun hatte (so viel zu Entscheidungsfindung!) vereinbarten wir eine Vorzugsbehandlung türkischer Wirtschaftsinteressen im Falle der Befreiung Tschetscheniens.
Endlich schenkte mir der armenische Ministerpräsident seine Aufmerksamkeit, ganz im Sinne der Türkei wurden regelmäßige Treffen vereinbart.
Auch fand der erste Pipeline-Gipfel in der US-amerikanischen Botschaft statt, dabei wurde aber lediglich Unterstützung für den Bau der Pipeline bekräftigt.
Insgesamt verlief die Runde ganz im Sinne der Spielziele.
3. Runde
Die Pipeline-Verhandlungen liefen weiter, es wurde eine gemeinsame Truppe zum Schutz des Pipeline-Baus vereinbart. Um eventuell erfolgreichere Verhandlungen im Berg-Karabach führen zu können, vereinbarte ich mit dem Iran eine geheime Vermittlungs-Initiative ohne die USA, die aber im Endeffekt nie ergriffen wurde. Stattdessen zogen es die im Berg-Karabach-Konflikt verwickelten Parteien vor, alleine zu verhandeln. Die Türkei bemühte sich mit entsprechenden Verträgen darum, trotzdem nach Beendigung der Verhandlungen als Vermittler da zu stehen.
Weiterhin kooperierte die Türkei gut mit Armenien und war bereit, eine Sicherheitsgarantie gegenüber Armenien abzugeben.
4. Runde
Durch ein Gespräch mit dem Europarat-Beauftragten wurde die Türkei darauf hingewiesen, dass sie die Opposition in Armenien unterstützen solle, da die vorhergegangenen Wahlen undemokratisch abgelaufen seien. Eine entsprechende Unterstützung hätte positive Menschenrechtsberichte zur Folge. Eiin entsprechender Vertrag mit dem Waldbruder wurde leider nicht genehmigt.
Nach schwierigen Verhandlungen versuchte ich ein großes Zugeständnis der Türkei in Form einer Entschuldigung für "grausame Verbrechen" zu erreichen, dieses wurde aber von den Göttern abgelehnt. Nach der Ablehnung befanden sich sowohl Armenien als auch Türkei in einer hilflosen Situation: keiner der beiden Parteien würde ein Zugeständnis erlaubt werden - aber wie sollte eine Einigung ohne Zugeständnis erreicht werden?
Da ich mit den Geschehnissen in Georgien überhaupt nichts zu tun hatte, genehmigte ich lediglich die Durchfahrt der "Kitty Hawk" durch das Schwarze Meer und vertraute meinen amerikanischen Spielpartnern.
5. Runde
In dieser Runde wurden zunächst einige Soft-Security-Maßnahmen ergriffen: Europa, OSZE und die UN sollten Türkei, Aserbaidschan, Georgien und die USA im Kampf gegen Terrorismus und Korruption unterstützen.
Gleichzeitig verschärfte sich die Situation in Georgien und nach einer kurzen Besprechung mit meinem georgischen Partner beschloss ich, Truppen zur Unterstützung an die adscharische Grenze zu schicken, ohne mir groß Gedanken zu machen.
An dem von den UN initiierten Friedensplan in Georgien war ich zwar als Unterzeichner dabei – allerdings bekam ich nach wie vor nicht wirklich mit, was dort im Gange war, da ich viel zu sehr mit regional näher liegenden Konflikten beschäftigt war.
6. Runde
So liefen hier die ganze Runde über harte Verhandlungen über die „Korridor“-Lösung im Berg-Karabach-Konflikt weiter, doch die sture Haltung Aserbaidschans ließ es trotz Zugeständnissen aller Parteien nicht zu einer Kompromiss-Lösung kommen.
7. Runde
Neben dieser Enttäuschung verlief aber alles nach Plan: der Pipeline-Bau wurde vorangetrieben, gemeinsam mit den USA gab es eine weitere Verurteilung Iraks (der hatte versucht, sich in die inneren Angelegenheiten Aserbaidschans einzumischen) und der Einsatz der UN-Truppen begann (mit unserer Beteiligung) erfolgreich.
8. Runde
Das gab genügend Zeit für weitere kreative Maßnahmen: gemeinsam mit Gil Robles initiierte ich ein Bündnis für regenerative Energien im Kaukasus und es gelang mir, mich ein Stück weit aus der Energie-Abhängigkeit von Russland zu befreien ;-)
Mit der Begründung des transkaukasischen Stabilitätspaktes wurde endgültig besiegelt, dass auch Armenien auf die Seite der USA gewechselt hatte. Sogleich versuchten wir auch, Russland negativ in die Presse zu bringen. Nach einem Gespräch mit dem Vertreter von Adscharien, in dem er mir empört klar gemacht hatte, er fühle sich massiv bedroht, beschloss ich nach Rücksprache mit Georgien, meinen Freundschaftsdienst zu beenden und meine Truppen wieder zurückzuziehen.
9.Runde
ESKALATION: Ohne den genauen Überblick zu haben, noch im geringsten davon eine Ahnung zu haben, wie und was für Truppen man wann wohin schickt, schickte ich auf Anraten meiner amerikanischen Freunde einfach Truppen nach Georgien. Meine Verwirrung wird anhand der Tatsache deutlich, dass ich nach einem Gespräch mit dem Vertreter des Europarates, der mir versicherte, an einen EU-Beitritt sei bei so einer Handlung nicht mehr zu denken, einfach meine Truppen wieder abziehen wollte (wurde nicht genehmigt). Dennoch blieb ich, sehr zum Ärger meiner amerikanischen Freunde, den ganzen Abend lang im Ungewissen.
10.+11. Runde
Ich hatte eigentlich gar nichts mehr zu sagen: am dritten Weltkrieg war ich zwar irgendwie beteiligt, aber an den dazu relevanten Entscheidungen gar nicht. Im Berg-Karabach-Konflilkt gab es überhaupt keine Fortschritte mehr und genauso waren meine übrigen Ziele angesichts des riesigen Konfliktes in den Hintergrund gerückt. Einen Schrecken jagte mir noch Fritz Pleitgen ein, der offensichtlich versuchte, in der Presse Rache an mir zu nehmen. Ich bekam aber glücklicherweise Rückendeckung von den USA.

Fazit:
• Ich bemühte mich zwar oft, meine Spielziele durchzusetzen, doch fühlte mich häufig als kleiner Spielball, da ich vor allem von den USA abhängig war
• Meine wichtigsten Entscheidungen wurden oft unüberlegt getroffen aus der Annahme heraus, man müsse angesichts der dramatischen Entwicklungen schnell handeln
• Ich hatte keine deutliche Strategie, werde mir so eine das nächste Mal aber sicherlich ausdenken...
• Ich war angesichts meiner oft korrupten Spielpartner meist viel zu vertrauensvoll ihnen gegenüber und griff selbst kaum zu illegalen Mitteln
• Ich war insgesamt erschrocken, wie leicht ich in einem solchen Spiel Truppen hin- und herschicken konnte, zumal das Ganze natürlich ein „Spiel“ war, ich aber schon das Gefühl hatte, in diesem Spiel „gefangen“ zu sein

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