projektkrise 2004geschichte

 

Arkadi Gukasian
Staatspräsident von Nagorno-Karabach

SPIELZIELE

Als Arkadi Gukasian, Staatspräsident von Berg-Karabach, war in erster Linie der konkrete Status meines Landes von Interesse. Das bedeutete: mein Hauptziel bestand darin auf jeden Fall den momentanen Status quo zu erhalten und festigen bzw. Berg-Karabach die internationale Anerkennung seiner Souveränität und Unabhängigkeit zu verschaffen.
Flankiert wurde diese Zielformulierung von ergänzenden Absichten wie z. B. die guten Beziehungen zu Armenien auszubauen, Sicherheitsgarantien für Berg-Karabach zu erlangen und die Anerkennung von Berg-Karabach als offiziellen Gesprächspartner in eventuellen Verhandlungen zu erreichen. Bei solchen Verhandlungen würde auf keinen Fall eine Eingliederung Berg-Karabachs in Aserbaidschan in Frage kommen. Allerdings hielt ich für den Fall, dass die Entwicklungen mir keine andere Wahl ließen, auch eine schwache Konföderation mit Aserbaidschan für eine Option.
Kurz vor Beginn des Krisenspiels präzisierte ich diese Ziele dahingehend, dass ich die Absicht verfolgen würde Armenien stark an meine Position zu binden. Für den Fall, dass dies nicht gelingen sollte, plante ich die armenischen Diaspora-Gemeinden zu mobilisieren, um Druck zu erzeugen.

STRATEGIEN/MITTEL

Der Rückgriff auf folgende Strategien bzw. Mittel sollte mir helfen, meine Ziele zu erreichen:
1. Die enge Abstimmung mit Armenien. Absicht war es, einen armenischen Block zu schaffen, der nicht auseinanderdividiert werden konnte.
2. Zweitens bot die große armenische Diaspora-Gemeinde die Möglichkeit sowohl international Druck auf externe Akteure auszuüben, als auch meine Position zu stützen.
3. Westliche Unterstützung sollte mir die Darstellung Berg-Karabachs als vorbildliche Demokratie (schließlich erfolgten erst vor kurzem Präsidentschaftswahlen) in Abgrenzung zum autokratischen Aserbaidschan verschaffen.
4. Da nach meiner Quellenlage die Armee Berg-Karabachs als eine der höchstqualifiziertesten des Süd-Kaukasus betrachtet wird, sollte ich im Notfall auch nicht vor bewaffneten Auseinandersetzungen zurückschrecken müssen.

AKTEURE

Am Beginn des Krisenspiels standen intensive Konsultationen mit dem Präsidenten Armeniens, Robert Kotscharjan. Auf der Grundlage gemeinsamer Interessen, nämlich der internationalen Anerkennung Berg-Karabachs als unabhängigen und souveränen Staat (bemerkenswerter Weise stand die Eingliederung Berg-Karabachs in das armenische Staatsgebiet nie ernsthaft zur Debatte), teilten wir fortan unsere Informationen, unsere Verhandlungsfortschritte und gingen im Verlauf des Spiels dazu über unsere Rollen sehr eng aufeinander abzustimmen.
Meiner Einschätzung nach war unsere Kooperation in einem Maß auf Loyalität und Vertrauen gestützt, das es uns beiden ermöglichte, mit einer gewissen Rückendeckung in die Verhandlungen zu gehen. Jeder von uns war sich bewusst, dass der andere ihn in seiner Position unterstützen würde.
Das Verhalten externer Akteure gegenüber Berg-Karabach war sehr zwiespältig. Russlands Vertreter waren beispielsweise nicht daran interessiert seine Allianzen mit Armenien und Berg-Karabach zu stärken. So gelang es mir anfangs trotz wiederholter Versuche nicht mit den Russen ins Gespräch zu kommen. Im Verlauf des zweiten Spieltages hatte ich es dann tatsächlich geschafft eine ‚Audienz’ beim russischen Präsidenten zu bekommen – allerdings erst in einer Runde!
Aufgrund des diplomatischen Dilettantismus der Russen wendete ich mich zusammen mit dem armenischen Präsidenten den USA zu. Im Gegensatz zu Russland waren diese nämlich in einem enormen Maße präsent und aktiv. Daher war es ein leichtes mit ihnen ins Gespräch zu kommen und gemeinsame Interessen zu entwickeln.
Durch das passive und zurückhaltende Verhalten des türkischen Außenministers war die Türkei allenfalls in ihrer Rolle als enger Verbündeter der USA von Interesse. Iran wiederum unterstützte sehr stark die aserbaidschanische Opposition. Charakteristisch war allerdings in erster Linie die Penetranz des iranischen Vertreters überall seine ‚Hilfe’ anzubieten und sich in armenische Angelegenheiten einzumischen. Darüber hinaus verfügte er meiner Einschätzung nach über kein für meine Interessen nützliches Potential.
Die Vertreter internationaler Organisationen waren entweder zu beschäftigt mit anderen Verhandlungen oder mit ihrer Bereicherung, als dass sie konstruktiv am Berg-Karabach-Konflikt mitarbeiteten. Trotz ausdrücklicher Einladung an die UN die Verhandlungen zwischen Armenien, Berg-Karabach und Aserbaidschan zu moderieren, kam nichts dergleichen zu Stande.
Die armenische und aserbaidschanische Opposition versuchte des öfteren mit mir Kontakt aufzunehmen, um durch meine Person ihre Position im innenpolitischen Machtkampf zu stärken. Da die Kooperation mit Kotscharjan und die Verhandlungen mit Aserbaidschans Präsidenten Alijew allerdings vielversprechend begannen und sich, zumindest im Bezug auf Kotscharjan, auch sehr positiv entwickelten, schenkte ich den Oppositionellen nicht sonderlich viel Beachtung. Das stellte sich im Nachhinein als eine Fehleinschätzung heraus.

VERLAUF DES KRISENSPIELS

Die ersten Runden des Krisenspiels waren bei mir in erster Linie von zwei Verhandlungsprozessen dominiert. Zum einen waren das die Verhandlungen mit Aserbaidschan über den Berg-Karabach Konflikt. Kotscharjan, Alijew und ich stimmten mehr oder weniger darin überein, die Verhandlungen zunächst ohne andere Akteure zu beginnen und den Raum für Kompromisse auszuloten. Zwar waren diese Gespräche teilweise sehr mühsam, nichtsdestotrotz kamen wir zu einem ersten Ergebnis. In mehreren Sitzungen einigten wir uns darauf einen Korridor für Aserbaidschan zu öffnen, damit es direkte Verbindung zu der Exklave Natschichewan bekommen kann. Zu diesem Zweck erklärten Armenien und Berg-Karabach sich bereit einen schmalen Streifen entlang der aserbaidschanisch-iranischen Grenze, den wir besetzt hielten zu räumen. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Vereinbarungen über einen Korridor auf armenischem Gebiet. Die Gegenleistung für dieses Entgegenkommen war die aserbaidschanische Anerkennung meiner Person als offiziellen Gesprächspartner für die Klärung der Berg-Karabach-Frage. Damit akzeptierte Aserbaidschan zum ersten Mal die faktische Unabhängigkeit Berg-Karabachs. Dieser erste Verhandlungserfolg kam aber keineswegs durch seine ‚epochale’ Bedeutung in die Schlagzeilen, sondern vielmehr weil Spielleitung und Medien in den folgenden Runden damit beschäftigt waren aus einem simplen Übereinkommen einen Wust widersprechender Meldungen zu stricken. Durch fehlerhafte Interpretation entstand der Eindruck wir hätten aserbaidschanischen Truppen den Einmarsch in armenisches Gebiet gestattet, was von unserer Seite explizit nicht gemeint war und mehrmals verneint wurde. Nichtsdestotrotz wurde Kotscharjan im folgenden als Vaterlandsverräter hingestellt, da die Götter ihren Fehler im Nachhinein nämlich nicht korrigierten. Anschließend stattfindende Verhandlungen mit Aserbaidschan kamen nicht mehr weiter voran. Grund war, neben der sich zuspitzenden Lage im gesamten Kaukasus, vor allem die zunehmende Sturheit Aserbaidschans. So kam es nur noch zu Ankündigungen, Bekenntnissen und Versprechungen aber keinen konkreten Ergebnissen mehr.
Gleichzeitig mit den Verhandlungen mit Aserbaidschan entschlossen Robert Kotscharjan und ich uns dazu unsere internationalen Partnerschaften neu zu ordnen. Da Russland es nicht für nötig hielt seine Bündnisse zu pflegen, wandten wir uns an die USA (genaugenommen deren Außenminister Colin Powell). Nach ersten Sondierungsgesprächen erhielten wir zunehmend Hilfe, sowohl wirtschaftlich als auch in Verhandlungen. Diese Entwicklung gipfelte darin, dass wir letztendlich unseren Hauptverbündeten wechselten. Angesichts der sich zuspitzenden Lage im Kaukasus und dem aggressiven und irrationalem Verhalten Russlands kam es dann zur Gründung des Transkaukasischen Stabilitätspaktes, in dem Berg-Karabach einen Beobachter-Status zuerkannt bekam. Zu diesem Zeitpunkt war das Interesse dieses Paktes und vor allem der USA jedoch schon allein auf Georgien konzentriert.
Der anschließende Wahlkampf in Armenien und die innenpolitischen Schwierigkeiten des aserbaidschanischen Präsidenten setzten allen Bestrebungen in der Berg-Karabach-Frage zu einer Einigung zu kommen ein Ende. Es war keinerlei Raum für Zugeständnisse mehr vorhanden. Zu diesem Zeitpunkt bestand meine Rolle daher nur noch darin, meinem armenischen Kollegen Wahlhilfe zukommen zu lassen, die aber anscheinend nicht den geringsten Effekt hatte und meine Position durch US-amerikanische Unterstützung abzusichern. Ansonsten langweilte ich mich.
Nachdem Robert Kotscharjan abgewählt war und der pro-russische Herausforderer an der Macht war, wurde die Lage für mich prekär. Schließlich hatte ich mich als klarer Unterstützer eines stärkeren amerikanischen Engagements stark exponiert und gegen Ende sogar noch eine Wirtschafts- und Militärkooperation mit den USA vereinbart. Als zu diesem Zeitpunkt das Krisenspiel wieder Potential für mich entwickelte, war es allerdings schon zu Ende.

ESKALATION

Die Eskalation des Krisenspiels betraf mich nur indirekt. Durch die Konzentration auf Georgien war mein Spiel nur insofern beeinträchtigt, als dass sich der Fokus der Aufmerksamkeit nun noch stärker auf den nördlichen Kaukasus richtete.
Prinzipiell bekam ich zu diesem Zeitpunkt den Eindruck, dass das Krisenspiel unkontrolliert wucherte und nicht mehr unter Kontrolle der Götter stand. Diese Einschätzung gründet sich auf der Radikalität mit der die Akteure auf einen Dritten Weltkrieg zusteuerten. Ich denke nicht, dass eine solche Eskalation absolut undenkbar wäre, doch hätten die Götter meiner Meinung nach früher korrigierend eingreifen müssen (beispielsweise um das seltsame diplomatische Verhalten Russlands einzudämmen).
Neben dem extrem irrationalem Verhalten mancher Akteure waren meiner Meinung nach auch die Medien dafür verantwortlich, dass die Situation eskalierte. Da die Nachrichten mit der Zeit immer stärker auf Gewalt oder absolut unnötige Pseudo-Boulevard-Meldungen setzten, mussten die Akteure natürlich auch dementsprechendes bieten um Aufmerksamkeit zu erlangen, was im Endeffekt auch zur Eskalation beitrug. Zudem fielen zahlreiche Meldungen einfach unter dem Tisch und fanden damit faktisch nicht statt. Was dazu führte, dass ich gegen Ende des zweiten Spieltages den Eindruck bekam, dass ich meine Zettel in erster Linie für den Papierkorb der Götter schrieb und meine Person absolut unwichtig geworden war und keinerlei Gestaltungspotential mehr besaß (was mich wiederum ziemlich überraschte). Meiner Einschätzung teilte ich dieses Schicksal mit vielen anderen „kleinen Akteuren“. Auch das mag realistisch sein, doch ist eine solche Entwicklung Gift für das Spiel.

PROBLEME

Zusammenfassend stellten sich folgende Aspekte als problematisch für mein Spiel heraus:
1. Die Ignoranz der russischen Akteure, die diplomatische Gespräche mit Audienzen verwechselten.
2. Die innenpolitische Lage in Aserbaidschan und Armenien, die keine vernünftigen Verhandlungen mehr zuließen.
3. Die doch recht stark grassierende Korruption fast jeden Akteurs. Ein gewisses Maß an Naivität meinerseits mag vorhanden gewesen sein, doch denke ich, dass es manche Akteure stark damit übertrieben (ich denke da ganz konkret an bestimmte Vertreter bestimmter internationaler Organisationen...).
4. Die Presse war meiner Meinung nach zu selektiv. Durch die Position der Medien als eigenständigem Akteur fühlten sie sich anscheinend dazu berufen, Politik zu machen. Was dazu führte, dass objektiv fundamentale Entwicklungen untergingen (z.B. die aserbaidschanische Anerkennung meiner Person als offiziellem Gesprächspartner) oder abgrundtief verfälscht wurden (z.B. die Korridor-Lösung). Zwar mag die Ausgestaltung der Presse damit der Realität entsprächen, doch denke ich, dass das Krisenspiel in seiner derartigen Gestalt soviel Realität nicht verträgt bzw. dass der Spielablauf dadurch extrem verfälscht wurde.
5. Selbst nach wiederholten Anfragen bei meinem Geheimdiensten erfuhr ich nie mehr, als ich ohnehin schon wusste. Zwar denke ich nicht, dass ich über jeden kleinen Schachzug eines kaukasischen Akteurs Informationen bekommen müsste. Doch denke ich dass der Geheimdienst Berg-Karabachs, doch relativ viel über Armenien und Aserbaidschan wissen müsste. Doch leider sahen das die Götter wohl anders. Denn letztendlich erfuhr ich NICHTS über die Machenschaften des armenischen Oppositionsführers (trotz wiederholter und teilweiser recht präziser Anfragen). Aus diesem Grund sah ich mich außerstande auf die Entwicklungen in Armenien adäquat zu reagieren.

BILANZ

Gegen Ende des Krisenspiels hatte ich von den mir gestellten Zielen folgende erreicht: eine enge Kooperation mit Armeniens Präsidenten Kotscharjan, Erhalt des Status quo und erste Schritte zur internationalen Anerkennung meines Landes. Hervorzuheben ist dabei vor allem die USA, die mir gegen Ende des Krisenspiels zusicherte den Berg-Karabach-Konflikt unter Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts meines Volkes zu lösen.
Neutralisiert wurden diese Ergebnisse aber durch die nicht-erreichten Ziele bzw. die unerwünschten Nebenereignisse. So wurden keine nennenswerten Fortschritte in der Status-Frage Berg-Karabachs erzielt und ein erfolgsversprechender Verhandlungsprozess wurde ebenfalls nicht eingeleitet. Zudem war ich zu sehr von meiner Loyalität zu Armeniens Präsidenten Kotscharjan beeinflusst, als dass ich genauso ‚wendig’ wie manch anderer Akteur hätte agieren können. Daher war meine Position als Präsident Berg-Karabachs gegen Ende gefährdet. Vor allem der Sieg der armenischen Russland-freundlichen Opposition bei den Präsidentschaftswahlen und meine Bindung an die USA manövrierte mich in eine prekäre Lage. Hier blieb die Frage offen, wie sich Russland und USA in Zukunft gegenüber Armenien und Berg-Karabach verhalten würden.

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