Arkadi Gukasian
Staatspräsident
von Nagorno-Karabach
SPIELZIELE
Als Arkadi Gukasian, Staatspräsident von Berg-Karabach, war in
erster Linie der konkrete Status meines Landes von Interesse. Das
bedeutete: mein Hauptziel bestand darin auf jeden Fall den momentanen
Status quo zu erhalten und festigen bzw. Berg-Karabach die internationale
Anerkennung seiner Souveränität und Unabhängigkeit
zu verschaffen.
Flankiert wurde diese Zielformulierung von ergänzenden Absichten
wie z. B. die guten Beziehungen zu Armenien auszubauen, Sicherheitsgarantien
für Berg-Karabach zu erlangen und die Anerkennung von Berg-Karabach
als offiziellen Gesprächspartner in eventuellen Verhandlungen
zu erreichen. Bei solchen Verhandlungen würde auf keinen Fall
eine Eingliederung Berg-Karabachs in Aserbaidschan in Frage kommen.
Allerdings hielt ich für den Fall, dass die Entwicklungen mir
keine andere Wahl ließen, auch eine schwache Konföderation
mit Aserbaidschan für eine Option.
Kurz vor Beginn des Krisenspiels präzisierte ich diese Ziele
dahingehend, dass ich die Absicht verfolgen würde Armenien stark
an meine Position zu binden. Für den Fall, dass dies nicht gelingen
sollte, plante ich die armenischen Diaspora-Gemeinden zu mobilisieren,
um Druck zu erzeugen.
STRATEGIEN/MITTEL
Der Rückgriff auf folgende Strategien bzw. Mittel sollte mir
helfen, meine Ziele zu erreichen:
1. Die enge Abstimmung mit Armenien. Absicht war es, einen armenischen
Block zu schaffen, der nicht auseinanderdividiert werden konnte.
2. Zweitens bot die große armenische Diaspora-Gemeinde die Möglichkeit
sowohl international Druck auf externe Akteure auszuüben, als
auch meine Position zu stützen.
3. Westliche Unterstützung sollte mir die Darstellung Berg-Karabachs
als vorbildliche Demokratie (schließlich erfolgten erst vor
kurzem Präsidentschaftswahlen) in Abgrenzung zum autokratischen
Aserbaidschan verschaffen.
4. Da nach meiner Quellenlage die Armee Berg-Karabachs als eine der
höchstqualifiziertesten des Süd-Kaukasus betrachtet wird,
sollte ich im Notfall auch nicht vor bewaffneten Auseinandersetzungen
zurückschrecken müssen.
AKTEURE
Am Beginn des Krisenspiels standen intensive Konsultationen mit dem
Präsidenten Armeniens, Robert Kotscharjan. Auf der Grundlage
gemeinsamer Interessen, nämlich der internationalen Anerkennung
Berg-Karabachs als unabhängigen und souveränen Staat (bemerkenswerter
Weise stand die Eingliederung Berg-Karabachs in das armenische Staatsgebiet
nie ernsthaft zur Debatte), teilten wir fortan unsere Informationen,
unsere Verhandlungsfortschritte und gingen im Verlauf des Spiels dazu
über unsere Rollen sehr eng aufeinander abzustimmen.
Meiner Einschätzung nach war unsere Kooperation in einem Maß
auf Loyalität und Vertrauen gestützt, das es uns beiden
ermöglichte, mit einer gewissen Rückendeckung in die Verhandlungen
zu gehen. Jeder von uns war sich bewusst, dass der andere ihn in seiner
Position unterstützen würde.
Das Verhalten externer Akteure gegenüber Berg-Karabach war sehr
zwiespältig. Russlands Vertreter waren beispielsweise nicht daran
interessiert seine Allianzen mit Armenien und Berg-Karabach zu stärken.
So gelang es mir anfangs trotz wiederholter Versuche nicht mit den
Russen ins Gespräch zu kommen. Im Verlauf des zweiten Spieltages
hatte ich es dann tatsächlich geschafft eine ‚Audienz’
beim russischen Präsidenten zu bekommen – allerdings erst
in einer Runde!
Aufgrund des diplomatischen Dilettantismus der Russen wendete ich
mich zusammen mit dem armenischen Präsidenten den USA zu. Im
Gegensatz zu Russland waren diese nämlich in einem enormen Maße
präsent und aktiv. Daher war es ein leichtes mit ihnen ins Gespräch
zu kommen und gemeinsame Interessen zu entwickeln.
Durch das passive und zurückhaltende Verhalten des türkischen
Außenministers war die Türkei allenfalls in ihrer Rolle
als enger Verbündeter der USA von Interesse. Iran wiederum unterstützte
sehr stark die aserbaidschanische Opposition. Charakteristisch war
allerdings in erster Linie die Penetranz des iranischen Vertreters
überall seine ‚Hilfe’ anzubieten und sich in armenische
Angelegenheiten einzumischen. Darüber hinaus verfügte er
meiner Einschätzung nach über kein für meine Interessen
nützliches Potential.
Die Vertreter internationaler Organisationen waren entweder zu beschäftigt
mit anderen Verhandlungen oder mit ihrer Bereicherung, als dass sie
konstruktiv am Berg-Karabach-Konflikt mitarbeiteten. Trotz ausdrücklicher
Einladung an die UN die Verhandlungen zwischen Armenien, Berg-Karabach
und Aserbaidschan zu moderieren, kam nichts dergleichen zu Stande.
Die armenische und aserbaidschanische Opposition versuchte des öfteren
mit mir Kontakt aufzunehmen, um durch meine Person ihre Position im
innenpolitischen Machtkampf zu stärken. Da die Kooperation mit
Kotscharjan und die Verhandlungen mit Aserbaidschans Präsidenten
Alijew allerdings vielversprechend begannen und sich, zumindest im
Bezug auf Kotscharjan, auch sehr positiv entwickelten, schenkte ich
den Oppositionellen nicht sonderlich viel Beachtung. Das stellte sich
im Nachhinein als eine Fehleinschätzung heraus.
VERLAUF DES KRISENSPIELS
Die ersten Runden des Krisenspiels waren bei mir in erster Linie von
zwei Verhandlungsprozessen dominiert. Zum einen waren das die Verhandlungen
mit Aserbaidschan über den Berg-Karabach Konflikt. Kotscharjan,
Alijew und ich stimmten mehr oder weniger darin überein, die
Verhandlungen zunächst ohne andere Akteure zu beginnen und den
Raum für Kompromisse auszuloten. Zwar waren diese Gespräche
teilweise sehr mühsam, nichtsdestotrotz kamen wir zu einem ersten
Ergebnis. In mehreren Sitzungen einigten wir uns darauf einen Korridor
für Aserbaidschan zu öffnen, damit es direkte Verbindung
zu der Exklave Natschichewan bekommen kann. Zu diesem Zweck erklärten
Armenien und Berg-Karabach sich bereit einen schmalen Streifen entlang
der aserbaidschanisch-iranischen Grenze, den wir besetzt hielten zu
räumen. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Vereinbarungen
über einen Korridor auf armenischem Gebiet. Die Gegenleistung
für dieses Entgegenkommen war die aserbaidschanische Anerkennung
meiner Person als offiziellen Gesprächspartner für die Klärung
der Berg-Karabach-Frage. Damit akzeptierte Aserbaidschan zum ersten
Mal die faktische Unabhängigkeit Berg-Karabachs. Dieser erste
Verhandlungserfolg kam aber keineswegs durch seine ‚epochale’
Bedeutung in die Schlagzeilen, sondern vielmehr weil Spielleitung
und Medien in den folgenden Runden damit beschäftigt waren aus
einem simplen Übereinkommen einen Wust widersprechender Meldungen
zu stricken. Durch fehlerhafte Interpretation entstand der Eindruck
wir hätten aserbaidschanischen Truppen den Einmarsch in armenisches
Gebiet gestattet, was von unserer Seite explizit nicht gemeint war
und mehrmals verneint wurde. Nichtsdestotrotz wurde Kotscharjan im
folgenden als Vaterlandsverräter hingestellt, da die Götter
ihren Fehler im Nachhinein nämlich nicht korrigierten. Anschließend
stattfindende Verhandlungen mit Aserbaidschan kamen nicht mehr weiter
voran. Grund war, neben der sich zuspitzenden Lage im gesamten Kaukasus,
vor allem die zunehmende Sturheit Aserbaidschans. So kam es nur noch
zu Ankündigungen, Bekenntnissen und Versprechungen aber keinen
konkreten Ergebnissen mehr.
Gleichzeitig mit den Verhandlungen mit Aserbaidschan entschlossen
Robert Kotscharjan und ich uns dazu unsere internationalen Partnerschaften
neu zu ordnen. Da Russland es nicht für nötig hielt seine
Bündnisse zu pflegen, wandten wir uns an die USA (genaugenommen
deren Außenminister Colin Powell). Nach ersten Sondierungsgesprächen
erhielten wir zunehmend Hilfe, sowohl wirtschaftlich als auch in Verhandlungen.
Diese Entwicklung gipfelte darin, dass wir letztendlich unseren Hauptverbündeten
wechselten. Angesichts der sich zuspitzenden Lage im Kaukasus und
dem aggressiven und irrationalem Verhalten Russlands kam es dann zur
Gründung des Transkaukasischen Stabilitätspaktes, in dem
Berg-Karabach einen Beobachter-Status zuerkannt bekam. Zu diesem Zeitpunkt
war das Interesse dieses Paktes und vor allem der USA jedoch schon
allein auf Georgien konzentriert.
Der anschließende Wahlkampf in Armenien und die innenpolitischen
Schwierigkeiten des aserbaidschanischen Präsidenten setzten allen
Bestrebungen in der Berg-Karabach-Frage zu einer Einigung zu kommen
ein Ende. Es war keinerlei Raum für Zugeständnisse mehr
vorhanden. Zu diesem Zeitpunkt bestand meine Rolle daher nur noch
darin, meinem armenischen Kollegen Wahlhilfe zukommen zu lassen, die
aber anscheinend nicht den geringsten Effekt hatte und meine Position
durch US-amerikanische Unterstützung abzusichern. Ansonsten langweilte
ich mich.
Nachdem Robert Kotscharjan abgewählt war und der pro-russische
Herausforderer an der Macht war, wurde die Lage für mich prekär.
Schließlich hatte ich mich als klarer Unterstützer eines
stärkeren amerikanischen Engagements stark exponiert und gegen
Ende sogar noch eine Wirtschafts- und Militärkooperation mit
den USA vereinbart. Als zu diesem Zeitpunkt das Krisenspiel wieder
Potential für mich entwickelte, war es allerdings schon zu Ende.
ESKALATION
Die Eskalation des Krisenspiels betraf mich nur indirekt. Durch die
Konzentration auf Georgien war mein Spiel nur insofern beeinträchtigt,
als dass sich der Fokus der Aufmerksamkeit nun noch stärker auf
den nördlichen Kaukasus richtete.
Prinzipiell bekam ich zu diesem Zeitpunkt den Eindruck, dass das Krisenspiel
unkontrolliert wucherte und nicht mehr unter Kontrolle der Götter
stand. Diese Einschätzung gründet sich auf der Radikalität
mit der die Akteure auf einen Dritten Weltkrieg zusteuerten. Ich denke
nicht, dass eine solche Eskalation absolut undenkbar wäre, doch
hätten die Götter meiner Meinung nach früher korrigierend
eingreifen müssen (beispielsweise um das seltsame diplomatische
Verhalten Russlands einzudämmen).
Neben dem extrem irrationalem Verhalten mancher Akteure waren meiner
Meinung nach auch die Medien dafür verantwortlich, dass die Situation
eskalierte. Da die Nachrichten mit der Zeit immer stärker auf
Gewalt oder absolut unnötige Pseudo-Boulevard-Meldungen setzten,
mussten die Akteure natürlich auch dementsprechendes bieten um
Aufmerksamkeit zu erlangen, was im Endeffekt auch zur Eskalation beitrug.
Zudem fielen zahlreiche Meldungen einfach unter dem Tisch und fanden
damit faktisch nicht statt. Was dazu führte, dass ich gegen Ende
des zweiten Spieltages den Eindruck bekam, dass ich meine Zettel in
erster Linie für den Papierkorb der Götter schrieb und meine
Person absolut unwichtig geworden war und keinerlei Gestaltungspotential
mehr besaß (was mich wiederum ziemlich überraschte). Meiner
Einschätzung teilte ich dieses Schicksal mit vielen anderen „kleinen
Akteuren“. Auch das mag realistisch sein, doch ist eine solche
Entwicklung Gift für das Spiel.
PROBLEME
Zusammenfassend stellten sich folgende Aspekte als problematisch für
mein Spiel heraus:
1. Die Ignoranz der russischen Akteure, die diplomatische Gespräche
mit Audienzen verwechselten.
2. Die innenpolitische Lage in Aserbaidschan und Armenien, die keine
vernünftigen Verhandlungen mehr zuließen.
3. Die doch recht stark grassierende Korruption fast jeden Akteurs.
Ein gewisses Maß an Naivität meinerseits mag vorhanden
gewesen sein, doch denke ich, dass es manche Akteure stark damit übertrieben
(ich denke da ganz konkret an bestimmte Vertreter bestimmter internationaler
Organisationen...).
4. Die Presse war meiner Meinung nach zu selektiv. Durch die Position
der Medien als eigenständigem Akteur fühlten sie sich anscheinend
dazu berufen, Politik zu machen. Was dazu führte, dass objektiv
fundamentale Entwicklungen untergingen (z.B. die aserbaidschanische
Anerkennung meiner Person als offiziellem Gesprächspartner) oder
abgrundtief verfälscht wurden (z.B. die Korridor-Lösung).
Zwar mag die Ausgestaltung der Presse damit der Realität entsprächen,
doch denke ich, dass das Krisenspiel in seiner derartigen Gestalt
soviel Realität nicht verträgt bzw. dass der Spielablauf
dadurch extrem verfälscht wurde.
5. Selbst nach wiederholten Anfragen bei meinem Geheimdiensten erfuhr
ich nie mehr, als ich ohnehin schon wusste. Zwar denke ich nicht,
dass ich über jeden kleinen Schachzug eines kaukasischen Akteurs
Informationen bekommen müsste. Doch denke ich dass der Geheimdienst
Berg-Karabachs, doch relativ viel über Armenien und Aserbaidschan
wissen müsste. Doch leider sahen das die Götter wohl anders.
Denn letztendlich erfuhr ich NICHTS über die Machenschaften des
armenischen Oppositionsführers (trotz wiederholter und teilweiser
recht präziser Anfragen). Aus diesem Grund sah ich mich außerstande
auf die Entwicklungen in Armenien adäquat zu reagieren.
BILANZ
Gegen Ende des Krisenspiels hatte ich von den mir gestellten Zielen
folgende erreicht: eine enge Kooperation mit Armeniens Präsidenten
Kotscharjan, Erhalt des Status quo und erste Schritte zur internationalen
Anerkennung meines Landes. Hervorzuheben ist dabei vor allem die USA,
die mir gegen Ende des Krisenspiels zusicherte den Berg-Karabach-Konflikt
unter Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts meines Volkes
zu lösen.
Neutralisiert wurden diese Ergebnisse aber durch die nicht-erreichten
Ziele bzw. die unerwünschten Nebenereignisse. So wurden keine
nennenswerten Fortschritte in der Status-Frage Berg-Karabachs erzielt
und ein erfolgsversprechender Verhandlungsprozess wurde ebenfalls
nicht eingeleitet. Zudem war ich zu sehr von meiner Loyalität
zu Armeniens Präsidenten Kotscharjan beeinflusst, als dass ich
genauso ‚wendig’ wie manch anderer Akteur hätte agieren
können. Daher war meine Position als Präsident Berg-Karabachs
gegen Ende gefährdet. Vor allem der Sieg der armenischen Russland-freundlichen
Opposition bei den Präsidentschaftswahlen und meine Bindung an
die USA manövrierte mich in eine prekäre Lage. Hier blieb
die Frage offen, wie sich Russland und USA in Zukunft gegenüber
Armenien und Berg-Karabach verhalten würden.
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