Akram Husam
Journalist, Al-Jazeera
Einmal Meute und zurück
von Frank Stadelmaier
Die eintreffenden Meldungen überschlagen sich.
Attentat, Entführung, Anschlag, Krieg, internationale Krise.
Wie konnte es so weit kommen? Egal, in 15 Minuten sind wir auf Sendung.
Diese Eilmeldung muss unbedingt noch ganz vorne eingebaut werden,
die andere hier fliegt raus – nicht brisant genug. Darüber
wird sich wohl wieder jemand bitterlich beklagen, aber was soll’s.
Wir stehen schließlich auch unter Druck. Es handelt sich um
einen scheinbar stetig anschwellenden Sturzfall von Nachrichten, dessen
Gesamtheit und inneren Zusammenhang wir kaum in der Lage sind, bis
Sendebeginn zu erfassen. Na ja, Hauptsache wir kriegen bis dahin noch
plastisches Bildmaterial der gewalttätigen Volksmassen, Kriegsschauplätze
und Krisengipfel in den Kasten und vor allem aufs Sendetape. Also
raus mit Mikro und Kamera, schnell, schnell, damit genug Zeit für
die technische Bearbeitung im Studio bleibt. Zwischendurch noch die
drängenden Fragen nach Sendezeit abgewimmelt und vielleicht doch
noch mal aufs Klo. Nein, die Zeit reicht nicht. Hoffentlich geht alles
gut beim Zusammenschnitt – ach ja, der Sprecher sollte ja auch
noch wissen, was wir als Bildbeiträge haben. Und was ist das
jetzt schon wieder? Seit anderthalb Stunden werden die Nachrichten
formuliert, und jetzt, in letzter Minute, noch dieser Hammer hier!
So, also hier umformuliert und – verdammt, wo ist die Meldung
hin? Ach, hier hinten. Das kann jetzt jedenfalls raus, das ist Vergangenheit.
Stattdessen... - kriegen wir davon auch noch Bilder hin?? Nee, das
geht jetzt echt nicht mehr, das kriegen wir nicht mehr aufs Sendetape
raufgespielt.
Der Nachrichtensprecher schwitzt, der Studiotechniker flucht, die
Reporter und Kameramänner fragen nach leeren Tapes und dann auch
noch Besuch von selbsternannten Göttern!?! Wo bin ich hier bloß
reingeraten??
Angefangen hat alles ganz harmlos: Die Frage, wer
denn in der Pressegruppe mitmachen wolle, stand im Raum. Es war die
dritte oder vierte Vorbereitungssitzung. Die Reise in den Kaukasus
im Oderbruch, geheimnisvoll und krisengeschüttelt, wie der um
Aufmerksamkeit ringende Bildjournalist vielleicht sagen würde,
war fern. Es war ja alles nur ein (Krisen)Spiel. Also Spontaneität
bewiesen und Hand gehoben! Warum nicht mal die journalistische Ader
ausprobieren?
So war ich als Vertreter von Al-Djazeera also Teil der sechsköpfigen
Pressegruppe, Pressegott inklusive. Meine langsam ausgebildeten Erwartungen
drehten sich um distanzierte, qualitativ hochwertige Berichterstattung,
ausgewogen in der politischen Gewichtung. Über die Beschaffung
von Bildmaterial, den Zeitdruck, die Wirkung einer wahren Flut von
Meldungen, geschweige denn die Feinheiten der technischen Umsetzung
machte ich mir in glückseliger Ahnungslosigkeit keinerlei Sorgen.
Angekommen in unserem Sendezentrum waren wir bald
auf der Suche nach einem einprägsamen Sendernamen, der den Zuschauern
im Gedächtnis bleiben würde. Wir bedienten uns der Bekanntheit
eines weltweit zu empfangenden Nachrichtensenders und nannten uns
„Caucasian News Network“, kurz CNN. Die Aufgabenverteilung
sollte rotieren. Damit war der Anfang gemacht. Nun ja, zunächst
mussten wir uns an unsere Rolle und deren Ausfüllung erst noch
gewöhnen und es kam zu bedauernswerten Pannen. Kamera läuft,
Ton läuft, und ab! Aber war das Ding auch wirklich an? Und auch
das Mikro? Kassette eingelegt? Über solche Widrigkeiten kamen
wir schnell hinweg. Auch der Schnitt lief bald recht gut. Die Moderationen
und Interviewtechniken wurden verfeinert und Einfälle zur Inszenierung
gingen auch nicht aus. Nie ganz verflüchtigt dagegen haben sich
kleine Versprecher im Vortrag und vor allem ein Restbedarf an Improvisation
in der Absprache zwischen Sprecher und Technik noch während der
Live-Sendung über Zeitpunkt und Thema der Bildbeiträge.
Das lag an der Professionalisierung unseres Gegenstandes – der
spielenden Akteure.
Der Fluss an Meldungen wurde kontinuierlich größer und
komplexer, sodass vor allem die Rolle des Sprechers nicht leichter
wurde, der während der gesamten 90-minütigen Spielrunde
die Rolle des verantwortlichen Redakteurs einnahm, also Meldungen
las, auswählte und textlich verarbeitete. Häufig waren sogar
noch Meldungen der vorhergehenden Runde ungelesen liegengeblieben.
Zum Ende des Spiels wurde es dann auch noch Sitte, dass ein Gott das
Pressezentrum über Walkie-Talkie oder persönlich mit einer
Reihe letzter Breaking News versorgte. Dabei musste von Anfang an
alles in einen vortragsfähigen, widerspruchslosen und inhaltlich
gewichteten Text gegossen werden. So vergingen für den Sprecher
die anderthalb Stunden bis zur Sendung im nervenaufreibenden Zeitraffer,
ohne wahre Konzentrationspause oder Möglichkeit, das Studio zu
verlassen.
Der Studiotechniker dagegen genoss am Anfang jeder Runde ein entspanntes
Dasein, konnte dem Redakteur helfen – bis zum Eintreffen der
ersten neu bespielten Bänder. Dann musste er konzentriert daran
arbeiten, das neue Bildmaterial inhaltlich sinnvoll und ohne großen
Bildbrüche auf das Sendetape zu schneiden, Herr über zwei
Videorekorder, ein Schneidepult, drei Fernseher und einen CD-Spieler.
Auch diese Aufgabe verband sich zum Ende der Runde, wenn noch kurz
vor Redaktionsschluss Außenberichte hereinkamen, mit einer Dosis
Stress durch Zeitdruck. Schließlich musste die Technik während
der Sendung stimmen, das heißt Beiträge abgefahren und
die Einblendung des jeweiligen Bildes kontrolliert werden. Das konnte
man aber auch zu zweit machen, schließlich gab es nun für
die Außenteams nichts mehr zu tun.
Die zwei Außenteams bestanden aus je einem Kameramann und einem
Reporter, die Beiträge auf Video bannten, die teils am Anfang
der Runde in einer Art Redakteurskonferenz abgesprochen worden waren,
teils eigenen Ideen folgten, teils auf (selbstverständlich stets
auf ihre Relevanz geprüften) Vorschlägen der Akteure basierten,
teils von der aktuellen Nachrichtenlage gleichsam diktiert wurden.
Dabei waren der kreativen Inszenierung keine Grenzen gesetzt. Es gab
Statisten und Interviewpartner genug, Kalaschnikows aus Plastik, kaukasische
Wälder und Backsteinwände im Überfluss und sogar eine
Bombennacht im FDJ-Schlafsaal. Aufgabe der Reporter war es, die richtigen
Fragen zu stellen und überlange Antworten zu unterbrechen, Aufgabe
der Kameraleute, die besten Bilder in Perspektive, Bildausschnitt
und Zoom zu drehen – das ist beides schwieriger, als es sich
anhört.
Das gesamte Spiel waren wir fast unablässig mit
den zwingend erforderlichen Dingen der Umsetzung einer Nachrichtensendung
befasst, sodass kaum Zeit zur Reflexion blieb. Wir haben die an uns
herangetragene Kritik über selektive Berichterstattung ernstgenommen
und uns von Anfang an bemüht, in der Auswahl der Themen und Statements
gerecht zu sein. Nichtsdestotrotz ließ sich das Diktat der brisantesten
und bildtauglichsten Meldung nicht ignorieren. Diese Zwanghaftigkeit,
mit der wie selbstverständlich selektiert wird nach oberflächlicher
Bedeutung und Umsetzbarkeit ins Bild war für mich eine Erfahrung,
die ich in so direkter Weise zum ersten Mal gemacht habe. Selbstverständlich
waren wir nicht willenlos, haben rational ausgewählt und gewichtet,
aber eben gerade auch unter dem Aspekt der, sagen wir: Vermarktungschance,
das heißt Spannung und, ja, auch Unterhaltungswert. Aus der
Perspektive der Akteure wurden so natürlich einige bevorzugt
behandelt, nämlich die politischen Schwergewichte und diejenigen,
die Gewalt säten.
So war das Krisenspiel in der Pressegruppe eine erhellende Erfahrung
über Zwänge und Mechanismen der Pressebranche, deren subversive
Stärke ich nun höher einschätze als zuvor.
Ich denke, das mit der ausgewogenen, guten Berichterstattung
hat im Rahmen unserer Möglichkeiten trotzdem ganz gut geklappt
– ich war Akram Husam, CNN.
<<zurueck