projektkrise 2004geschichte

 

Akram Husam
Journalist, Al-Jazeera

Einmal Meute und zurück
von Frank Stadelmaier


Die eintreffenden Meldungen überschlagen sich.
Attentat, Entführung, Anschlag, Krieg, internationale Krise. Wie konnte es so weit kommen? Egal, in 15 Minuten sind wir auf Sendung. Diese Eilmeldung muss unbedingt noch ganz vorne eingebaut werden, die andere hier fliegt raus – nicht brisant genug. Darüber wird sich wohl wieder jemand bitterlich beklagen, aber was soll’s. Wir stehen schließlich auch unter Druck. Es handelt sich um einen scheinbar stetig anschwellenden Sturzfall von Nachrichten, dessen Gesamtheit und inneren Zusammenhang wir kaum in der Lage sind, bis Sendebeginn zu erfassen. Na ja, Hauptsache wir kriegen bis dahin noch plastisches Bildmaterial der gewalttätigen Volksmassen, Kriegsschauplätze und Krisengipfel in den Kasten und vor allem aufs Sendetape. Also raus mit Mikro und Kamera, schnell, schnell, damit genug Zeit für die technische Bearbeitung im Studio bleibt. Zwischendurch noch die drängenden Fragen nach Sendezeit abgewimmelt und vielleicht doch noch mal aufs Klo. Nein, die Zeit reicht nicht. Hoffentlich geht alles gut beim Zusammenschnitt – ach ja, der Sprecher sollte ja auch noch wissen, was wir als Bildbeiträge haben. Und was ist das jetzt schon wieder? Seit anderthalb Stunden werden die Nachrichten formuliert, und jetzt, in letzter Minute, noch dieser Hammer hier! So, also hier umformuliert und – verdammt, wo ist die Meldung hin? Ach, hier hinten. Das kann jetzt jedenfalls raus, das ist Vergangenheit. Stattdessen... - kriegen wir davon auch noch Bilder hin?? Nee, das geht jetzt echt nicht mehr, das kriegen wir nicht mehr aufs Sendetape raufgespielt.
Der Nachrichtensprecher schwitzt, der Studiotechniker flucht, die Reporter und Kameramänner fragen nach leeren Tapes und dann auch noch Besuch von selbsternannten Göttern!?! Wo bin ich hier bloß reingeraten??

Angefangen hat alles ganz harmlos: Die Frage, wer denn in der Pressegruppe mitmachen wolle, stand im Raum. Es war die dritte oder vierte Vorbereitungssitzung. Die Reise in den Kaukasus im Oderbruch, geheimnisvoll und krisengeschüttelt, wie der um Aufmerksamkeit ringende Bildjournalist vielleicht sagen würde, war fern. Es war ja alles nur ein (Krisen)Spiel. Also Spontaneität bewiesen und Hand gehoben! Warum nicht mal die journalistische Ader ausprobieren?
So war ich als Vertreter von Al-Djazeera also Teil der sechsköpfigen Pressegruppe, Pressegott inklusive. Meine langsam ausgebildeten Erwartungen drehten sich um distanzierte, qualitativ hochwertige Berichterstattung, ausgewogen in der politischen Gewichtung. Über die Beschaffung von Bildmaterial, den Zeitdruck, die Wirkung einer wahren Flut von Meldungen, geschweige denn die Feinheiten der technischen Umsetzung machte ich mir in glückseliger Ahnungslosigkeit keinerlei Sorgen.

Angekommen in unserem Sendezentrum waren wir bald auf der Suche nach einem einprägsamen Sendernamen, der den Zuschauern im Gedächtnis bleiben würde. Wir bedienten uns der Bekanntheit eines weltweit zu empfangenden Nachrichtensenders und nannten uns „Caucasian News Network“, kurz CNN. Die Aufgabenverteilung sollte rotieren. Damit war der Anfang gemacht. Nun ja, zunächst mussten wir uns an unsere Rolle und deren Ausfüllung erst noch gewöhnen und es kam zu bedauernswerten Pannen. Kamera läuft, Ton läuft, und ab! Aber war das Ding auch wirklich an? Und auch das Mikro? Kassette eingelegt? Über solche Widrigkeiten kamen wir schnell hinweg. Auch der Schnitt lief bald recht gut. Die Moderationen und Interviewtechniken wurden verfeinert und Einfälle zur Inszenierung gingen auch nicht aus. Nie ganz verflüchtigt dagegen haben sich kleine Versprecher im Vortrag und vor allem ein Restbedarf an Improvisation in der Absprache zwischen Sprecher und Technik noch während der Live-Sendung über Zeitpunkt und Thema der Bildbeiträge. Das lag an der Professionalisierung unseres Gegenstandes – der spielenden Akteure.
Der Fluss an Meldungen wurde kontinuierlich größer und komplexer, sodass vor allem die Rolle des Sprechers nicht leichter wurde, der während der gesamten 90-minütigen Spielrunde die Rolle des verantwortlichen Redakteurs einnahm, also Meldungen las, auswählte und textlich verarbeitete. Häufig waren sogar noch Meldungen der vorhergehenden Runde ungelesen liegengeblieben. Zum Ende des Spiels wurde es dann auch noch Sitte, dass ein Gott das Pressezentrum über Walkie-Talkie oder persönlich mit einer Reihe letzter Breaking News versorgte. Dabei musste von Anfang an alles in einen vortragsfähigen, widerspruchslosen und inhaltlich gewichteten Text gegossen werden. So vergingen für den Sprecher die anderthalb Stunden bis zur Sendung im nervenaufreibenden Zeitraffer, ohne wahre Konzentrationspause oder Möglichkeit, das Studio zu verlassen.
Der Studiotechniker dagegen genoss am Anfang jeder Runde ein entspanntes Dasein, konnte dem Redakteur helfen – bis zum Eintreffen der ersten neu bespielten Bänder. Dann musste er konzentriert daran arbeiten, das neue Bildmaterial inhaltlich sinnvoll und ohne großen Bildbrüche auf das Sendetape zu schneiden, Herr über zwei Videorekorder, ein Schneidepult, drei Fernseher und einen CD-Spieler. Auch diese Aufgabe verband sich zum Ende der Runde, wenn noch kurz vor Redaktionsschluss Außenberichte hereinkamen, mit einer Dosis Stress durch Zeitdruck. Schließlich musste die Technik während der Sendung stimmen, das heißt Beiträge abgefahren und die Einblendung des jeweiligen Bildes kontrolliert werden. Das konnte man aber auch zu zweit machen, schließlich gab es nun für die Außenteams nichts mehr zu tun.
Die zwei Außenteams bestanden aus je einem Kameramann und einem Reporter, die Beiträge auf Video bannten, die teils am Anfang der Runde in einer Art Redakteurskonferenz abgesprochen worden waren, teils eigenen Ideen folgten, teils auf (selbstverständlich stets auf ihre Relevanz geprüften) Vorschlägen der Akteure basierten, teils von der aktuellen Nachrichtenlage gleichsam diktiert wurden. Dabei waren der kreativen Inszenierung keine Grenzen gesetzt. Es gab Statisten und Interviewpartner genug, Kalaschnikows aus Plastik, kaukasische Wälder und Backsteinwände im Überfluss und sogar eine Bombennacht im FDJ-Schlafsaal. Aufgabe der Reporter war es, die richtigen Fragen zu stellen und überlange Antworten zu unterbrechen, Aufgabe der Kameraleute, die besten Bilder in Perspektive, Bildausschnitt und Zoom zu drehen – das ist beides schwieriger, als es sich anhört.

Das gesamte Spiel waren wir fast unablässig mit den zwingend erforderlichen Dingen der Umsetzung einer Nachrichtensendung befasst, sodass kaum Zeit zur Reflexion blieb. Wir haben die an uns herangetragene Kritik über selektive Berichterstattung ernstgenommen und uns von Anfang an bemüht, in der Auswahl der Themen und Statements gerecht zu sein. Nichtsdestotrotz ließ sich das Diktat der brisantesten und bildtauglichsten Meldung nicht ignorieren. Diese Zwanghaftigkeit, mit der wie selbstverständlich selektiert wird nach oberflächlicher Bedeutung und Umsetzbarkeit ins Bild war für mich eine Erfahrung, die ich in so direkter Weise zum ersten Mal gemacht habe. Selbstverständlich waren wir nicht willenlos, haben rational ausgewählt und gewichtet, aber eben gerade auch unter dem Aspekt der, sagen wir: Vermarktungschance, das heißt Spannung und, ja, auch Unterhaltungswert. Aus der Perspektive der Akteure wurden so natürlich einige bevorzugt behandelt, nämlich die politischen Schwergewichte und diejenigen, die Gewalt säten.
So war das Krisenspiel in der Pressegruppe eine erhellende Erfahrung über Zwänge und Mechanismen der Pressebranche, deren subversive Stärke ich nun höher einschätze als zuvor.

Ich denke, das mit der ausgewogenen, guten Berichterstattung hat im Rahmen unserer Möglichkeiten trotzdem ganz gut geklappt – ich war Akram Husam, CNN.

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