projektkrise 2004geschichte

 

Ahmed Kadirow
von Russland legitimierter Präsident Tschetscheniens

Tagebuch eines Toten
Von Achmed Kadirow


Ich bin tot. Gestorben – erschossen von ruchlosen Verrätern im eigenen Land. In dieser posthumen Schrift möchte ich mich erklären und die Ereignisse schildern, die zu meinem tragischen Ende geführt haben.

Es war der Sommer des Jahres 2003. Ich sah mich mit einer Reihe schwieriger Probleme konfrontiert. Hauptsächlich ging es mir damals um mich selbst und den Erhalt und Ausbau meiner Machtposition – Präsidentschaftswahlen waren angekündigt und die Unterstützung der Bevölkerung für mich war immer noch nicht gewachsen, trotz meines großen Einsatzes für Frieden und für das Volk. Mehrere Anschläge auf mein Leben hatte ich überlebt, mir die Nächte mit Arbeit um die Ohren geschlagen und mit allen nur erdenklichen Mitteln ging ich gegen die Terroristen vor, die schon so vielen Menschen das Leben genommen hatten. Gewürdigt wurde das nie. Ich hatte gerade mein gesamtes Kabinett umstrukturiert und mit mir loyalen Persönlichkeiten besetzt, als mich Anfang Juli ein seltsames Gefühl ergriff. Ich fühlte mich nicht mehr wie ich selbst, als ob ein neues Bewusstsein von nun an meine Handlungen leiten würde.

Mit diesem neuen Bewusstsein ging ich sofort an die Arbeit und richtete eine Antikorruptionsbehörde ein. Dies sollte auch medienwirksam verkauft werden, um mich bei der Bevölkerung als seriösen und verantwortungsvollen Staatsmann zu profilieren. Die Redakteure des CNN (denen viel zu viel Unabhängigkeit zugestanden wurde), verrissen meine Initiative jedoch als hoffnungslose Schnapsidee, wohl weil sie mich und meine Arbeitsmethoden kannten. Es wurde verkannt, dass diese Behörde natürlich von vornherein so angelegt war, dass sie nur diejenige Korruption bekämpft, welche an mir vorbeiläuft. Das wäre doch auch schon eine gute Sache gewesen, finde ich, und hätte zu mehr Transparenz beigetragen!

Mit fortschreitender Zeit festigte sich die Erkenntnis, den russischen Einfluss in Tschetschenien vermindern zu müssen, um mehr Handlungsfreiheit zu bekommen. Die Russen waren ein Kooperationspartner, dem ich immer unterlegen war. Mein Ziel sollte es sein, die russische Armee zum Abzug zu bewegen, sodass mir die Autorität für ein autonom verwaltetes Tschetschenien hätte zugesprochen werden können, in dem ich ganz alleine hätte tun und lassen können, was ich will und nur noch mit dem fernen Moskau hätte kooperieren müssen. Ich hätte die Verantwortung für die Sicherheit und den Kampf gegen den Terrorismus übernommen. Aber mir war klar, dass Russland dem niemals zustimmen würde, wenn sich die Situation nicht in so weit verändern würde, dass es für Russland durchaus attraktiv sein würde abzuziehen. Doch gerade als ich begann, Pläne für dieses Ziel zu spinnen, trat Delgado auf die Bühne und forderte die russische Armee auf, nur noch gegen rein militärische Ziele vorzugehen und Menschenrechtsverletzungen zu ahnden. Als Ergebnis dieser Europarats-Einmischung musste ich ein weiteres Kooperationsabkommen mit den Russen unterzeichen. Oldyrew und Patruschew knickten gegenüber dem Europarats-Mann ein, als ob er ein kaukasischer Tiger mit scharfen Zähnen wäre, was ja eigentlich umgekehrt sein sollte. Ich beschloss weiter intensiv mit Russland zusammenzuarbeiten, aber trotzdem mein Ziel, den russischen Truppenabzug, nicht aus den Augen zu verlieren. Hierzu traf ich mich dann auch recht bald an einem geheimen Ort mit meinem eigentlichen Widersacher, Maschadow. Wir stellten fest, dass unsere Ziele in wichtigen Punkten übereinstimmten und beschlossen zu kooperieren. Ich war mir sicher, dass, wenn ich mit seiner Hilfe Bassajew unschädlich gemacht hätte, ich ihn ebenfalls leicht hätte loswerden können. Doch nun sollten wir uns gegen Russland verbünden. Wir handelten aus, dass Maschadow einen einseitigen Waffenstillstand ausruft, wenn ich mich bei den Russen für einen Truppenabzug einsetzte. Auf meine Forderung Bassajew zu liefern, wollte Maschadow zunächst nicht eingehen. So kam es, dass ich zu Iwanow ging und ihm erklärte, ich hätte eine Möglichkeit gefunden, die Separatisten weitgehend ruhig zu stellen, was aber einen teilweisen Truppenabzug erfordern würde. Iwanow wollte aber unbedingt Bassajew, dann würde sich über den Abzug reden lassen. Also traf ich mich wieder mit Maschadow. Nach langen und zähen Verhandlungen stimmte er schließlich zu. Voller Euphorie über diese Möglichkeit, gleich mehrere meiner Ziele auf einen Streich zu erreichen. Erwartungsvoll blickte ich auf meinen nächsten Termin in der Russischen Botschaft. Ich breitete meine Erfolge vor den Russen aus, welche zunächst erfreut reagierten, als sie hörten, sie könnten Bassajew bekommen. Sie teilten mir mit, sie würden einen entsprechenden Plan zum schrittweisen Truppenabzug erarbeiten. Leider geschah dies in den nächsten Wochen nicht, sodass ich Maschadow nichts versichern konnte. Dieser wurde langsam unruhig. Russland verpasste hier, dank seines recht übertriebenen Engagements im südlichen Kaukasus, eine gute Möglichkeit in Tschetschenien voranzukommen. Erbost über die russische Untätigkeit und Ignoranz kündigte Maschadow seine Waffenruhe auf und wollte von nun an wieder intensiver mit Bassajew zusammenarbeiten. Für mich bedeutete dieser Misserfolg aber noch kein Aufgeben. Ich beschloss, meine eigenen bewaffneten Kräfte zu vergrößern und führte Gespräche mit Nachotschi, der mir finanziell unter die Arme griff. Mehr und besser ausgerüstete Truppen und Polizeieinheiten würden meine Position in jedem Fall stärken. Die Zeit verging und Russland zeigte immer noch keinerlei Interesse an einer Veränderung des status quo in Tschetschenien. Frustriert besuchte ich eines Abends eine Bar und fand mich, ich weiß nicht wie, an einem Tisch mit Bassajew und Maschadow wieder. Wir beschlossen zunächst nicht mehr gegeneinander zu kämpfen und gemeinsam für Autonomie zu arbeiten. Ein Interessenausgleich in Macht- und Ressourcenfragen sollte nach einem russ. Truppenabzug verhandelt werden. Um mich bei den Russen nicht verdächtig zu machen, beschlossen wir einen Bombenanschlag auf mich zu inszenieren. Dieser fand dann auch statt, aber auf Grund bürokratischer Verzögerungen erst viel später, als es mit der Kooperation mit Bassajew und Maschadow schon fast wieder vorbei war.

Überraschender Weise gelang es mir kurze Zeit später die Russen zu einen Truppenabzug von 5000 Mann zu bewegen. Die Russen hatten zu dieser Zeit den Überblick über ihre politischen Aktivitäten verloren und bekämpften sich teilweise fast selbst, indem sie Gegenspieler mit Soldaten unterstützten. Es war nun leichter ihnen zu vermitteln, dass sie gar keine Zeit mehr haben sich in Tschetschenien wirklich zu engagieren. Meiner Kompetenzen wurden ausgeweitet um einen weiteren Truppenabzug zu ermöglichen. Ich konnte die Russen anscheinend überzeugen, dass ich der richtige Mann für Tschetschenien bin. Ich bin ja auch immer sehr freundlich zu ihnen gewesen. Zusätzlich bekam ich wirtschaftliche Kompetenzen, da ich nun quasi außenpolitisch tätig werden konnte, was ich auch gleich tat, indem ich mit Süd-Ossetien ein Kooperationsabkommen aushandelte.

Inzwischen hatte sich Bassajew wieder dazu entschlossen, mit Anschlägen Politik zu machen. Ich wusste nicht so recht wie mir geschah und plötzlich wollte auch noch die OECD Verhandlungen. Diese fanden dann auch statt und Pleitgen sicherte mir zu, ich würde die Wahlen gewinnen, die die OECD plant durchzuführen. Es war ein Fehler hier Bassajew mit an den Tisch zu holen. In der Frage des künftigen Status Tschetscheniens konnten wir uns nicht einigen, sodass ich die Konferenz ermüdet und erschöpft verließ und nun dastand mit meinen neu erworbenen Kompetenzen und Truppen und doch der Lage nicht Herr werden konnte. Deprimiert dachte ich schon über Suizid nach und schlenderte durch die Gassen, als plötzlich meine gerade-noch Konferenzpartner um die Ecke stürmten und das Feuer eröffneten. Sie hatte wohl eine Art Torschlusspanik ergriffen. Sie wollten wohl unbedingt Grozny noch erobern, bevor am nächsten Tag die Welt untergehen würde. Manche Leute pflanzen Bäume – andere erobern kaputte Städte. Mir war zu diesem Zeitpunkt alles egal, ich hatte das Gefühl versagt zu haben und zwischen allen Stühlen gesessen zu haben, aber niemals auf einem druff. Ich fühlte mich nicht mehr zu Hause in Tschetschenien. So gab ich den Löffel dann ganz gerne ab.

Aber mich beschleicht das Gefühl, dass es nur meine neue Seele war, die ich Anfang Juli gesandt bekam, die in Grozny den Schüssen zum Opfer fiel und ich eigentlich immer noch wie eh und je durch Tschetschenien wandle, mich vor Anschlägen fürchte und hässliche Mützen aufhab.

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