Ahmed Kadirow
von Russland legitimierter
Präsident Tschetscheniens
Tagebuch eines Toten
Von Achmed Kadirow
Ich bin tot. Gestorben – erschossen von ruchlosen Verrätern
im eigenen Land. In dieser posthumen Schrift möchte ich mich
erklären und die Ereignisse schildern, die zu meinem tragischen
Ende geführt haben.
Es war der Sommer des Jahres 2003. Ich sah mich mit
einer Reihe schwieriger Probleme konfrontiert. Hauptsächlich
ging es mir damals um mich selbst und den Erhalt und Ausbau meiner
Machtposition – Präsidentschaftswahlen waren angekündigt
und die Unterstützung der Bevölkerung für mich war
immer noch nicht gewachsen, trotz meines großen Einsatzes für
Frieden und für das Volk. Mehrere Anschläge auf mein Leben
hatte ich überlebt, mir die Nächte mit Arbeit um die Ohren
geschlagen und mit allen nur erdenklichen Mitteln ging ich gegen die
Terroristen vor, die schon so vielen Menschen das Leben genommen hatten.
Gewürdigt wurde das nie. Ich hatte gerade mein gesamtes Kabinett
umstrukturiert und mit mir loyalen Persönlichkeiten besetzt,
als mich Anfang Juli ein seltsames Gefühl ergriff. Ich fühlte
mich nicht mehr wie ich selbst, als ob ein neues Bewusstsein von nun
an meine Handlungen leiten würde.
Mit diesem neuen Bewusstsein ging ich sofort an die
Arbeit und richtete eine Antikorruptionsbehörde ein. Dies sollte
auch medienwirksam verkauft werden, um mich bei der Bevölkerung
als seriösen und verantwortungsvollen Staatsmann zu profilieren.
Die Redakteure des CNN (denen viel zu viel Unabhängigkeit zugestanden
wurde), verrissen meine Initiative jedoch als hoffnungslose Schnapsidee,
wohl weil sie mich und meine Arbeitsmethoden kannten. Es wurde verkannt,
dass diese Behörde natürlich von vornherein so angelegt
war, dass sie nur diejenige Korruption bekämpft, welche an mir
vorbeiläuft. Das wäre doch auch schon eine gute Sache gewesen,
finde ich, und hätte zu mehr Transparenz beigetragen!
Mit fortschreitender Zeit festigte sich die Erkenntnis,
den russischen Einfluss in Tschetschenien vermindern zu müssen,
um mehr Handlungsfreiheit zu bekommen. Die Russen waren ein Kooperationspartner,
dem ich immer unterlegen war. Mein Ziel sollte es sein, die russische
Armee zum Abzug zu bewegen, sodass mir die Autorität für
ein autonom verwaltetes Tschetschenien hätte zugesprochen werden
können, in dem ich ganz alleine hätte tun und lassen können,
was ich will und nur noch mit dem fernen Moskau hätte kooperieren
müssen. Ich hätte die Verantwortung für die Sicherheit
und den Kampf gegen den Terrorismus übernommen. Aber mir war
klar, dass Russland dem niemals zustimmen würde, wenn sich die
Situation nicht in so weit verändern würde, dass es für
Russland durchaus attraktiv sein würde abzuziehen. Doch gerade
als ich begann, Pläne für dieses Ziel zu spinnen, trat Delgado
auf die Bühne und forderte die russische Armee auf, nur noch
gegen rein militärische Ziele vorzugehen und Menschenrechtsverletzungen
zu ahnden. Als Ergebnis dieser Europarats-Einmischung musste ich ein
weiteres Kooperationsabkommen mit den Russen unterzeichen. Oldyrew
und Patruschew knickten gegenüber dem Europarats-Mann ein, als
ob er ein kaukasischer Tiger mit scharfen Zähnen wäre, was
ja eigentlich umgekehrt sein sollte. Ich beschloss weiter intensiv
mit Russland zusammenzuarbeiten, aber trotzdem mein Ziel, den russischen
Truppenabzug, nicht aus den Augen zu verlieren. Hierzu traf ich mich
dann auch recht bald an einem geheimen Ort mit meinem eigentlichen
Widersacher, Maschadow. Wir stellten fest, dass unsere Ziele in wichtigen
Punkten übereinstimmten und beschlossen zu kooperieren. Ich war
mir sicher, dass, wenn ich mit seiner Hilfe Bassajew unschädlich
gemacht hätte, ich ihn ebenfalls leicht hätte loswerden
können. Doch nun sollten wir uns gegen Russland verbünden.
Wir handelten aus, dass Maschadow einen einseitigen Waffenstillstand
ausruft, wenn ich mich bei den Russen für einen Truppenabzug
einsetzte. Auf meine Forderung Bassajew zu liefern, wollte Maschadow
zunächst nicht eingehen. So kam es, dass ich zu Iwanow ging und
ihm erklärte, ich hätte eine Möglichkeit gefunden,
die Separatisten weitgehend ruhig zu stellen, was aber einen teilweisen
Truppenabzug erfordern würde. Iwanow wollte aber unbedingt Bassajew,
dann würde sich über den Abzug reden lassen. Also traf ich
mich wieder mit Maschadow. Nach langen und zähen Verhandlungen
stimmte er schließlich zu. Voller Euphorie über diese Möglichkeit,
gleich mehrere meiner Ziele auf einen Streich zu erreichen. Erwartungsvoll
blickte ich auf meinen nächsten Termin in der Russischen Botschaft.
Ich breitete meine Erfolge vor den Russen aus, welche zunächst
erfreut reagierten, als sie hörten, sie könnten Bassajew
bekommen. Sie teilten mir mit, sie würden einen entsprechenden
Plan zum schrittweisen Truppenabzug erarbeiten. Leider geschah dies
in den nächsten Wochen nicht, sodass ich Maschadow nichts versichern
konnte. Dieser wurde langsam unruhig. Russland verpasste hier, dank
seines recht übertriebenen Engagements im südlichen Kaukasus,
eine gute Möglichkeit in Tschetschenien voranzukommen. Erbost
über die russische Untätigkeit und Ignoranz kündigte
Maschadow seine Waffenruhe auf und wollte von nun an wieder intensiver
mit Bassajew zusammenarbeiten. Für mich bedeutete dieser Misserfolg
aber noch kein Aufgeben. Ich beschloss, meine eigenen bewaffneten
Kräfte zu vergrößern und führte Gespräche
mit Nachotschi, der mir finanziell unter die Arme griff. Mehr und
besser ausgerüstete Truppen und Polizeieinheiten würden
meine Position in jedem Fall stärken. Die Zeit verging und Russland
zeigte immer noch keinerlei Interesse an einer Veränderung des
status quo in Tschetschenien. Frustriert besuchte ich eines Abends
eine Bar und fand mich, ich weiß nicht wie, an einem Tisch mit
Bassajew und Maschadow wieder. Wir beschlossen zunächst nicht
mehr gegeneinander zu kämpfen und gemeinsam für Autonomie
zu arbeiten. Ein Interessenausgleich in Macht- und Ressourcenfragen
sollte nach einem russ. Truppenabzug verhandelt werden. Um mich bei
den Russen nicht verdächtig zu machen, beschlossen wir einen
Bombenanschlag auf mich zu inszenieren. Dieser fand dann auch statt,
aber auf Grund bürokratischer Verzögerungen erst viel später,
als es mit der Kooperation mit Bassajew und Maschadow schon fast wieder
vorbei war.
Überraschender Weise gelang es mir kurze Zeit
später die Russen zu einen Truppenabzug von 5000 Mann zu bewegen.
Die Russen hatten zu dieser Zeit den Überblick über ihre
politischen Aktivitäten verloren und bekämpften sich teilweise
fast selbst, indem sie Gegenspieler mit Soldaten unterstützten.
Es war nun leichter ihnen zu vermitteln, dass sie gar keine Zeit mehr
haben sich in Tschetschenien wirklich zu engagieren. Meiner Kompetenzen
wurden ausgeweitet um einen weiteren Truppenabzug zu ermöglichen.
Ich konnte die Russen anscheinend überzeugen, dass ich der richtige
Mann für Tschetschenien bin. Ich bin ja auch immer sehr freundlich
zu ihnen gewesen. Zusätzlich bekam ich wirtschaftliche Kompetenzen,
da ich nun quasi außenpolitisch tätig werden konnte, was
ich auch gleich tat, indem ich mit Süd-Ossetien ein Kooperationsabkommen
aushandelte.
Inzwischen hatte sich Bassajew wieder dazu entschlossen,
mit Anschlägen Politik zu machen. Ich wusste nicht so recht wie
mir geschah und plötzlich wollte auch noch die OECD Verhandlungen.
Diese fanden dann auch statt und Pleitgen sicherte mir zu, ich würde
die Wahlen gewinnen, die die OECD plant durchzuführen. Es war
ein Fehler hier Bassajew mit an den Tisch zu holen. In der Frage des
künftigen Status Tschetscheniens konnten wir uns nicht einigen,
sodass ich die Konferenz ermüdet und erschöpft verließ
und nun dastand mit meinen neu erworbenen Kompetenzen und Truppen
und doch der Lage nicht Herr werden konnte. Deprimiert dachte ich
schon über Suizid nach und schlenderte durch die Gassen, als
plötzlich meine gerade-noch Konferenzpartner um die Ecke stürmten
und das Feuer eröffneten. Sie hatte wohl eine Art Torschlusspanik
ergriffen. Sie wollten wohl unbedingt Grozny noch erobern, bevor am
nächsten Tag die Welt untergehen würde. Manche Leute pflanzen
Bäume – andere erobern kaputte Städte. Mir war zu
diesem Zeitpunkt alles egal, ich hatte das Gefühl versagt zu
haben und zwischen allen Stühlen gesessen zu haben, aber niemals
auf einem druff. Ich fühlte mich nicht mehr zu Hause in Tschetschenien.
So gab ich den Löffel dann ganz gerne ab.
Aber mich beschleicht das Gefühl, dass es nur
meine neue Seele war, die ich Anfang Juli gesandt bekam, die in Grozny
den Schüssen zum Opfer fiel und ich eigentlich immer noch wie
eh und je durch Tschetschenien wandle, mich vor Anschlägen fürchte
und hässliche Mützen aufhab.
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