projektkrise 2004geschichte

 

Rumsfeld, Donald
US secretary of defense

Mit etwas zeitlichen Abstand, das Krisenspiel liegt nun schon 6 Wochen zurück, möchte ich doch noch der Aufforderung nachkommen, das Krisenspiel 2003 aus meiner Akteursperspektive, in diesem Fall US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, zu reflektieren. Ich möchte zuerst kurz etwas zu meiner Vorbereitung und der Interpretation meiner Rolle sagen, bevor ich auf das Krisenspielwochenende selbst eingehe und am Schluss noch mal kritisch auf das Wochenende zurückblicke.

Meine Vorkenntnisse über den Kaukasus waren zu Beginn der Vorbereitung sehr gering. Als Vertreter der Supermacht USA war ich mir bewusst, dass ich mich intensiv vorbereiten musste, da die USA neben Russland der wichtigste externe Akteur in der Region ist. Ich war Ansprechpartner für fast alle staatlichen Akteure in der Region, abgesehen von der problematischen Beziehung zum Iran, und musste deswegen die jeweiligen internen Konflikte kennen. Ich habe die Texte des Readers nach Relevanz für US-Außenpolitik selektiert und gelesen. Einerseits habe ich besonders auf Passagen geachtet, die sich direkt auf amerikanische Interessen und Engagement in der Region bezogen. Andererseits habe ich mich auf die staatlichen Ebenen in der Kaukasus Region konzentriert, da offizielle staatliche Akteure meine wichtigsten Gesprächspartner im Spiel sein würden. Ich habe in der Vorbereitungszeit mit Hilfe der Textlektüre versucht, grob eine Position zu den wichtigsten Akteuren in der Region zu entwickeln. Außerdem habe ich versucht US-Interessen und Ziele in der Region zu definieren, die ich im Spiel langfristig verfolgen wollte. Da ich aus eigener Erfahrung des Krisenspiels zu Kaschmir im Jahr 2000 wusste, dass das Spiel eine rasante Eigendynamik entwickelt, die schnelle Entscheidungen erfordert, ist es wichtig, dass man eigene Prämissen im Hinterkopf hat, um nicht willkürlich eine ad hoc Entscheidung nach der nächsten zu treffen. In solchen Fällen besteht die Gefahr, dass man von Konflikten und Krisen bestimmt wird, anstatt selbst zu versuchen, die Konflikte zu kontrollieren.

Die USA waren durch zwei Spieler als Akteur zu vertreten. Das machte Sinn, da wir als wichtiger externer Akteur, viele Gespräche zu führen hatten. Außerdem enthielt diese Konstellation eine gewisse Brisanz, da im Vorfeld des Irakkrieges einmal mehr die Spannungen zwischen State Department und Pentagon deutlich geworden waren. Ich habe mich im Vorfeld mit Nils, der im Krisenspiel Collin Powell war, getroffen um die US-Politik für den Kaukasus zu diskutieren und uns gegenseitig abzustimmen. Wichtig für das Spiel war, dass wir uns gut verstanden haben und während des ganzen Spiels einen guten Draht zueinander hatten. Wir wussten um die Differenzen der von uns zu spielenden Akteure, und es war somit klar, dass ich die Hardlinerposition im Umgang mit den Konflikten einnehmen würde. Aber wir hielten unsere internen Differenzen im Vergleich zu den anderen Akteuren nicht für so groß, dass wir ihnen eine große Bedeutung für das Spiel einräumen wollten. Mit anderen Worten habe ich auf der Akteursliste niemanden gesehen, der mir näher als US-Außenminister Powell gestanden hätte. Im Spiel war unser Verhältnis durch Arbeitsteilung geprägt. Collin Powell hat sich eher den langwierigen diplomatischen Verhandlungen angenommen, vor allem im Berg Karabach Konflikt, während ich mich mehr mit Georgien und militärischen sowie strategischen Verhandlungen befasst habe. Diese Arbeitsteilung hat sich aber erst im Spiel ergeben. In den ersten Runden haben wir noch sehr viel gemeinsam gemacht. Wie sehr wir uns abstimmen konnten, hing vor allem davon ab, wie viel gerade passierte und wie viel Stress wir hatten. Wir haben während des gesamten Spiels uns jeweils zu Beginn der Spielrunden und in den Pausen gegenseitig über unsere Aktivitäten informiert und unsere Meinungsverschiedenheiten, die es vor allem gegen Ende des Spiels gab, ausgetragen. Da ich schon Erfahrungen im Krisenspiel hatte, hatte ich eine stärkere Position. Das Pentagon konnte sich so meistens durchsetzen. Das lag auch daran, dass ich ständig intensiven Kontakt zu Schewardnadse hatte und sehr intensiv mit der Georgienfrage beschäftigt war, wo es aus unserer Sicht zu den gefährlichsten Eskalationen gekommen ist. Es lag aber sicherlich auch an meiner dominanten Spielweise. Ich habe versucht alle Situationen so weit nur möglich zu kontrollieren und selbst in die Hand zu nehmen. Spätestens am Samstag war ich bereits völlig in meiner Rolle aufgegangen und hatte Probleme das Spiel außerhalb der Perspektive Donald Rumsfelds zu betrachten.

Im Vorfeld des Spiels habe ich eine Bewertung der teilnehmenden Akteure in Bezug auf ihr Verhältnis zu den USA vorgenommen, sie gewichtet und eigene US-Interessen für die Kaukasus-Region formuliert. Es gab ökonomische Interessen im Zusammenhang mit Ölvorkommen und Pipeline Projekten zu verfolgen und Terrornetzwerke in der Region zu bekämpfen. Gerade nach dem 11. September habe ich es als eine Hauptaufgabe gesehen, die Region so zu stabilisieren und die staatlichen Institutionen zu stärken, so dass ich auf staatlicher Ebene die Akteure für die Terrorbekämpfung in die Pflicht nehmen konnte. Stabilisierung US-freundlicher Regierungen, wirtschaftliche Kooperation insbesondere im Ölsektor und militärische Kooperation zur Terrorismusbekämpfung habe ich als meine Hauptaufgaben betrachtet. Die grundlegenden Rahmenbedingungen in der Region habe ich folgendermaßen überdacht. Russland ist der große Rivale in der Region. Es wird jedes US-Engagement im Kaukasus kritisch beäugen, der direkt vor seinen Grenzen liegt und in dessen Konflikte die russische Politik tief verstrickt ist. Ich habe mich aber auch als Vertreter der einzigen Supermacht in der Welt gesehen, die mit neuer republikanischer Regierung und nach den Ereignissen nach dem 11. September bereit ist, in Fragen nationaler Interessen und Sicherheit auch militärisch zu intervenieren. Bei allen eigenen Interessen in der Region wollte ich aber auf keinen Fall einen direkten Konflikt mit Russland riskieren. Das wäre der absolute Supergau gewesen. Es galt als Alternative zur russischen Außenpolitik aufzutreten, ohne Russland zu sehr zu verärgern. Georgien stand im Zentrum unseres Ansatzes zu den Akteuren im Kaukasus. Georgien hat bereits in dem Maße gute Beziehungen zu den USA wie die zu Russland schlecht sind und spielt in der Region eine zentrale Rolle. Hier galt es die bereits guten Beziehungen weiter auszubauen und um Georgien herum ein US-freundliches ‚Klima’ zu schaffen. Die beiden abtrünnigen Gebiete Abchasien und Süd-Ossetien wollten wir gerne in einer Föderation wieder unter georgischen Einfluss sehen. Als zweiter Verbündeter stand Aserbaidschan im Mittelpunkt meines Interesses. Ich wollte Aliew gegen die islamische Opposition stärken und ein Pipeline-Projekt initiieren, dass Russland als Transitland für Aserbaidschans Öl ausgeschlossen hätte. Außerdem strebte ich eine intensivere militärische Zusammenarbeit an, um Druck auf den Iran auszuüben. Armenien wollten wir uns als Alternative zur Allianz mit Russland anbieten. Mit mehr Einfluss in Armenien haben wir gehofft, zwischen Armenien und Aserbaidschan besser vermitteln zu können, um unter unserer Schirmherrschaft eine mögliche Lösung oder zumindest Entspannung im Berg Karabach-Konflikt herbeizuführen. Aus Tschetschenien wollten wir uns heraushalten. Die Türkei sollte in unsere Strategie eingebunden werden, um zu verhindern, dass sie zu sehr eigene Interessen verfolgt. Der Iran sollte isoliert werden und islamische Bewegungen und Bündnisse in der Region sollten unter Druck gesetzt werden. Wie und ob mit der EU und der UN zusammengearbeitet wird, wollten wir ad hoc nach unseren Interessen entscheiden. Soweit ganz grob der Ansatz für das Krisenspiel. Ich wechsele willkürlich zwischen ‚ich’ und ‚wir’. Das liegt daran, dass ich auch für Collin Powell gesprochen habe, da wir die oben skizzierte Position zusammen abgesprochen haben. Wenn ich jetzt über das Krisenspiel berichte, werde ich nur noch ‚ich’ verwenden, da Powell an vielen meiner Spielzüge nicht beteiligt war und ich für die das nun Folgende die volle Verantwortung übernehme.

Die ersten Spielrunden waren von Konsultationen mit den für mich zentralen Akteuren geprägt. Besonders mit Eduard Schewardnadse habe ich in den ersten Runden intensiv gesprochen und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das bis auf eine Ausnahme über das ganze Wochenende bestand. Es wurde ein Bündnis für das Pipeline Projekt Baku-Tiflis-Ceyhan zwischen Aserbaidschan, Georgien, der Türkei unter Führung der USA auf den Weg gebracht, und es gab erste viel versprechende Gespräche mit Armenien. Mein Ziel, bei Russland vorzufühlen, um eventuell Interessensphären abzustecken, ist allerdings gescheitert. Herr Putin und Außenminister Ivanow haben auf meine Anfragen nur mit diplomatischen Floskeln geantwortet. Außerdem waren Herr Putin und Herr Ivanow ständig in der russischen Botschaft in Gesprächen mit Oppositionellen und Separatisten beschäftigt und waren nicht bereit, diese für Gespräche mit den USA kurz zu unterbrechen. Abgesehen von ein paar Worten zwischen Tür und Angel wurden unsere Gesprächsinitiativen abgeblockt. Am Ende der zweiten Spielrunde habe ich aus einer Geheimdienstanfrage erfahren, dass Russland massiv die Separatisten im Konfliktgebiet Abchasien unterstützt. Ich habe gedacht, dass es einer US-Regierung nicht würdig ist, Russland weiter mit der Bitte um Gespräche hinterherzulaufen. Ich habe die russische Haltung schwer einordnen können. Es gab schließlich Interessenüberschneidungen in der Terrorismusbekämpfung und seit dem 11. September hat es eine Annäherung zwischen Washington und Moskau gegeben. Ich habe nicht verstanden, warum Russland nicht an Gesprächen interessiert war, um meine Position zum Kaukasus zu erfahren. Wäre das Verhältnis zwischen den USA und Russland nicht bereits in den ersten Spielrunden so heftig abgekühlt, hätte das ganze Spiel sicherlich einen völlig anderen Lauf genommen. In den folgenden Spielrunden habe ich Russland immer mehr als Gegner wahrgenommen. Ich habe mich durch die brüske Zurückweisung angestachelt gefühlt. Russland wurde immer wichtiger in meinen Überlegungen und die folgenden Spielrunden habe ich viel Zeit darauf verwendet, Russland zu isolieren, um sie zu Gesprächen mit mir zu zwingen. Diese Politik hat das gegenseitige Misstrauen verstärkt und letztendlich zu einer neuen Eiszeit in den Beziehungen zwischen Moskau und Washington geführt. Am Samstagabend hatte ich gar die Überzeugung, dass mit dieser russischen Regierung ein Atomkrieg bevorsteht, und der einzige Ausweg, außer einem nicht hinnehmbaren ‚Gesichtsverlust’ über die von Russland unterstützte Aggression gegen Georgien, der Sturz Wladimir Putins sei.

Am Ende des ersten Spieltages war ich jedoch mit der Situation im Kaukasus ganz zufrieden. Die Pipeline Allianz war mittlerweile zu einem Militärbündnis aufgewertet und ein gemeinsames Manöver war bereits durchgeführt worden. Die Lage in Georgien war einigermaßen stabil. Mit Aserbaidschan war eine Militärkooperation abgeschlossen worden. Russlands Einfluss war auf Abchasien und Ossetien beschränkt, da sich bereits eine Abwendung Armeniens von Russland und eine Hinwendung zu den USA anbahnte. Dass die USA und nicht mehr Russland zukünftig Armeniens wichtigster Partner sein würden, konnte sogar in einem Geheimvertrag besiegelt werden. Die Türkei konnte in unsere Strategie integriert werden und verfolgte außerhalb unserer Botschaft kaum eigene Interessen. Es sah zu gut aus, fast als ob sich die Pax Americana auch über den Kaukasus ausbreiten sollte. Einzig die ‚Nicht-Beziehung’ zu Russland war ein Problem. Von den nicht-staatlichen Akteuren habe ich kaum etwas mitbekommen. Erst in den nächsten Spielrunden, als ich das am Freitag aufgebaute Bündnis zu verteidigen versucht habe, musste ich mich auch intensiv mit den innenpolitischen Problemen meiner Bündnispartner befassen.

Das erste besorgniserregende Ereignis für mich im Krisenspiel war der Terroranschlag auf US-Truppen in Georgien. Er zwang mich zu einer ‚angemessenen’ Reaktion und gab mir zusätzlich die Gelegenheit, mich als Hardliner zu profilieren. Da es mir darum ging, gegenüber Russland, separatistischen Bewegungen und Terroristen in der Region ein Zeichen zu setzen, habe ich einen Flugzeugträger ins Schwarze Meer beordert und eine emotionale Rede vor US-Soldaten bei einem Truppenbesuch in Georgien gehalten. Ich habe meinen Bündnispartner versichert, dass wir uns jetzt erst Recht in der Region engagieren und wir haben ein Abkommen zum Austausch von Geheimdienstinformationen über Islamismus in der Region geschlossen. Ich habe zusätzlich eine Allianz gegen den Terrorismus ins Leben gerufen und Russland aufgefordert sich an ihr zu beteiligen. Gleichzeitig standen wir in Verhandlungen mit der UNO über eine multilaterale Peace Force auf Basis der NATO für Georgien. Die ablehnende Haltung Russlands zu meiner Allianz gegen den Terrorismus war für mich nicht hinnehmbar. Ich empfand das als diplomatische Kriegserklärung und habe gedacht, dass Russland sich so was nicht herausnehmen kann – und wenn doch, dass sie dann dafür zu bezahlen haben!

Ich habe begonnen mich regelmäßig mit Herrn Jawlinski von der russischen Opposition zu treffen und mit ihm gemeinsam demonstrativ die unverantwortliche Politik Russlands kritisiert. Am Samstagmittag habe ich zusätzlich Informationen über militärische Unterstützung Russlands an Süd Ossetien erhalten. Daraufhin habe ich eine UN Initiative gestartet, um eine Resolution in den Sicherheitsrat einzubringen, die das Verhalten Russlands kritisiert. Zusätzlich habe ich mich heimlich mit Maschadow und Bassajew getroffen, um Möglichkeiten auszuloten, Tschetschenien auf die internationale Agenda zu setzen, um noch weiteren Druck auf Russland auszuüben. Am Samstagnachmittag ist Russland immer weiter in das Zentrum meiner Überlegungen gerückt. Das Ziel war aber nach wie vor, Russland zum Dialog zu zwingen – so paradox das klingen mag. Ich habe eigentlich erwartet, dass Russland früher oder später das Gespräch suchen würde. Da mir mein Geheimdienst Beweise für das militärische Engagement Russlands in Abchasien und Süd Ossetien liefern konnte, musste Russland im UN Sicherheitsrat sein Veto einlegen, um einer Verurteilung durch eine entsprechende Resolution zu entgehen. Russland war damit weitgehend isoliert, da die Europäer mit den USA gestimmt haben. Collin Powell hat auch angekündigt, Russland wegen seines Verhaltens im Kaukasus ökonomisch unter Druck zu setzen. Dennoch hat die russische Führung unbeirrt an ihrem Eskalationskurs festgehalten. Der von mir initiierte Transkaukasische Stabilitätspakt war ganz klar gegen russischen Einfluss im Kaukasus gerichtet. Der größte Erfolg war dabei, dass neben meinen traditionellen Verbündeten Georgien, Türkei und Aserbaidschan auch Armenien diesem Bündnis beigetreten ist. Alle waren sich einig, dass die russische Politik nicht mehr länger tragbar ist. Russland hatte seine Beziehungen zu allen Mitgliedern des Paktes vergrault und sie mir so in die Hände gespielt. Man kann dies als den Höhepunkt amerikanischen Einflusses im Kaukasus bezeichnen. Russland hatte nur gute Beziehungen nach Abchasien und Süd Ossetien sowie mit allen oppositionellen Bewegungen in der Region.

Die weitere Eskalation des Konfliktes hat diese Erfolge aber wieder bedroht. Ich habe Geheimdiensthinweise erhalten, dass Russland die islamistische Opposition in Aserbaidschan unterstützte, die meinen Bündnispartner Aliew innenpolitisch zu gefährden drohte. Ich habe daraufhin Aliew vorgeschlagen, dass er öffentlich erklärt, dass Ali Akram Verbindungen zu Al Kaida hält. Ich wollte ihn daraufhin auf die Liste international gesuchter Terroristen setzen und ihn in einer gemeinsamen Aktion festnehmen. Dieser Plot war erfolgreich und Aliew konnte Ali Akram festnehmen. Eine Auslieferung in die USA ist leider gescheitert. Durch die Verbindungen von Russland zu Ali Akram konnte ich sogar behaupten, dass Russland Al Kaida unterstützt. Leider hat die Presse dieses Thema nicht aufgenommen.

Am Samstagabend ist Russland dann Amok gelaufen. Nach allen bisherigen Vorkommnissen war Russland bereits diplomatisch diskreditiert und isoliert. Hinzu kam noch die Veröffentlichung brisanten Materials zum gescheiterten Mordkomplott gegen Schewardnadse, dass die Verstrickung der russischen Führung in das geplante Attentat bewies. Ich war am Samstagabend geschockt und überrascht, als ich hörte, dass abchasische Truppen ins Kerngebiet Georgiens eingedrungen waren. Geheimdienstinformationen bestätigten die Vermutung, dass Russland abchasischen Truppen den Weg über ihr Territorium geöffnet hatte. Das kam aus meiner Sicht einer Kriegserklärung an die USA gleich, da mein Bündnis mit Schewardnadse allseits bekannt war, und Georgien seit einiger Zeit ein enger Verbündeter der USA ist. Nachdem es quasi keinen diplomatischen Kanal zu Russland mehr gab, den man hätte nutzen können, habe ich militärisch reagiert. Nach all den brüsken russischen Zurückweisungen habe ich aus meiner Sicht keinen Raum mehr für Zurückhaltung gesehen. Ich war mittlerweile so tief im Spiel, dass ich bereit war, einen Krieg für meine Interessen im Kaukasus zu riskieren. Schließlich drohte ich meinen zuverlässigsten Bündnispartner in der Region, Eduard Schewardnadse, zu verlieren. Allerdings war mir auch bewusst, dass amerikanische Truppen zumindest von Russland unterstützte Truppen gegenüber stehen würden. Es drohte eine direkte Konfrontation zwischen Russland und den USA, die ich hatte unter allen Umständen vermeiden wollen. Ich dachte immer, dass Russland nicht so weit gehen würde und sah mich nun eines besseren belehrt. Schließlich konnte Russland auch nicht an einer direkten Auseinandersetzung mit den USA gelegen sein. Ich hatte aber bereits seit Beginn des Spiels vergeblich versucht, mit Russland konstruktive Gespräche über den Kaukasus zu führen. Die von mir vorangetriebene Isolierung Russlands hat genau das Gegenteil von dem bewirkt, was ich erreichen wollte. Statt mit den USA in Gespräche zu treten, hat sie eine militärische Eskalation des Konflikts in Georgien befördert. Da es keine Kommunikation zwischen mir und Russland gab, konnte ich Putin und Ivanow schwer einschätzen und habe das ganze Spiel nicht verstanden, nach welcher Rationalität sie tickten und wie sie ihr Verhältnis zu den USA definierten. Unter den Vorzeichen einer eindeutig von Russland gestützten Aggression in Georgien, die den UN Waffenstillstand einseitig verletzte, sah ich aber keinen Spielraum klein beizugeben und auf Russland zuzugehen. Da ich aber ebenso keinen Atomkrieg wünschte, schien der einzige Ausweg der Sturz der russischen Regierung zu sein.

Die Idee dazu reifte am Samstagabend. Gute Kontakte zu Jawlinski hatte ich bereits und es war auch nicht schwer ihn zu überreden. Nachotchewan (?) hat den Kontakt zum Militärchef in Tschetschenien und zum Geheimdienstchef vom SFB hergestellt. Am Sonntagmorgen wurde das Komplott gegen die russische Führung vertraglich besiegelt. Jawlinski sollte, von den USA gestützt und anerkannt, die Macht in Moskau übernehmen. Im Gegenzug wollte er als erste Amtshandlung, die von Russland gestützte Aggression in Georgien beenden und die einseitige Anerkennung Süd Ossetiens und Abchasiens als unabhängige Staaten zurücknehmen. Der Putsch Putins barg ein hohes Risiko, da ich nichts Genaueres über die künftige Rolle Patruschews und Boldyrews in der russischen Regierung wusste. Dieses Risiko schien mir aber im Vergleich zu dem Risiko eines Atomkrieges gegen ein von Putin regiertes Russland eher gering. Als die Verträge bereits bei den Göttern waren, sind Putin und Ivanow zu mir gerannt gekommen und waren plötzlich zu allen Zugeständnissen bereit. Das war eine für mich unerwartete Wendung im Spiel, da ich bereit war, den Putsch gegen Putin wirklich durchzuziehen und mit einer neuen russischen Führung in Verhandlungen zu treten. Mir wurde aber sehr schnell klar, dass Putin wieder an die Macht zu verhelfen, die beste Lösung war. Ich war mir nicht sicher, ob Jawlinski in der Lage wäre, den Geheimdienst und die Armee hinter sich zu bringen und zu kontrollieren. Zusätzlich zur Eskalation der Lage in Georgien wäre dann noch ein destabilisiertes Russland getreten. Diese beiden Faktoren würden die Verhandlungen über eine radikale Veränderung der russischen Kaukasuspolitik stark erschweren. Ein mit meiner Hilfe zurück an die Macht gekommener Putin, würde überspitzt ausgedrückt auch ein Präsident von Gnaden des CIA sein. Putin ging in dem hektischen kurzen Gespräch, dass kritisch von Herrn Jawlinski, Patruschew und Boldyrew aus der Ferne beobachtet wurde auf alle meine Forderungen ein. Genauso wie Jawlinski, würde die militärische Unterstützung für Separatisten in Georgien eingestellt und die einseitige Anerkennung zurückgenommen werden. Auf einem großen gemeinsamen Friedensgipfel wollten wir dann Lösungen zur Befriedung des Kaukasus diskutieren.

Die folgende Zeit war sehr hektisch und nervenaufreibend, weil lange Zeit unklar blieb, wer nun in Moskau die Macht innehatte. Für mich war die Situation besonders heikel, da ich nun von den Putschisten bestürmt wurde, wie meine Haltung gegenüber Putin aussähe. Ich saß zwischen zwei Stühlen und wollte nichts sagen, bevor ich nicht wusste, mit wem ich es in Moskau als Akteur für den Rest des Spieles zu tun bekommen würde. Um sicher zu gehen, dass der Putsch misslingt, habe ich Patruschew mit Hilfe Nachotschewans aus der Putschistenallianz herausgekauft. Meine unangenehmste Unterhaltung des gesamten Spiels erfolgte, als klar wurde, dass der Putsch gescheitert war. Ich musste Herrn Jawlinski mitteilen, dass ich ihn hintertrieben hatte, und er nicht mehr die Unterstützung der USA besaß. Wäre es keine Simulation gewesen, so hätte ich die Verantwortung für seinen Selbstmord übernehmen müssen. Genauso habe ich Nachotschewan auf dem Gewissen, den ich nach allen guten Diensten, die er mir erwiesen hat, vom CIA ermorden ließ. Die Spielzeit lief dann sehr schnell ab. Es konnte zwar noch medienwirksam ein erstes Gipfeltreffen zwischen Russland und den USA inszeniert werden, aber viele vorzeigbare Ergebnisse waren in der Kürze der Zeit nicht zu erzielen. Zumindest war verhindert worden, dass über Georgien der dritte Weltkrieg ausgebrochen ist.

Am Sonntag sind die Entwicklungen im Kaukasus für mich in den Hintergrund getreten. Durch den Putschversuch blieb keine Zeit mehr, sich mit den jüngsten Entwicklungen in Armenien und Aserbaidschan zu befassen, wo antiamerikanische Gruppierungen die Macht zu übernehmen drohten. Trotz massiver wirtschaftlicher Hilfe und Aufforderung zur Manipulation konnte ein Wahlsieg der pro-russischen Opposition in Armenien nicht verhindert werden. In Aserbaidschan kam Aliew zum Ende des Spiels massiv unter Druck. Die in den Spielrunden zuvor mühsam errungen Fortschritte gingen innerhalb kürzester Zeit verloren. Es lag vor allem daran, dass gegen Ende des Spiels Russland zu meiner persönlichen Obsession geworden war. Sein Verhalten im Spiel hat mich so provoziert, dass ich nur noch daran denken konnte, wie ich mit Russland fertig werden könnte, so dass der Kaukasus in den Hintergrund gerückt ist. Der Grundstein zu dieser Entwicklung ist bereits in den ersten Spielrunden gelegt worden.

Meine Spielweise war von knallharter Interessenpolitik geprägt. Meine Erfolge, vor allem der Transkaukasische Stabilitätspakt, waren aus meiner Sicht möglich, da ich in Gesprächen, meine Interessen auch als Interessen von Aserbaidschan, Armenien und Georgien präsentieren konnte. Ich weiß nicht wie US-Vertreter, insbesondere Donald Rumsfeld, wirklich verhandeln, aber ich habe immer versucht, auf meine Gesprächspartner einzugehen und ihnen meine Vorschläge als ihre Interessen zu verkaufen. Dabei hat mir meine Vorbereitung geholfen, denn man muss vor allem die Schwächen seiner Verhandlungspartner kennen, um ihnen die richtigen Angebote machen zu können. Ich habe quasi versucht, den staatlichen Akteuren im Kaukasus US-Lösungen ihrer Probleme zu verkaufen. Verhandlungen haben eine sehr ökonomische Komponente, da es oft um ein Geben und Nehmen geht. Der Kaukasus, wo die USA zwar Interessen haben, aber noch nicht so stark engagiert sind, kam mir im nachhinein wie ein neuer Markt vor, auf den die USA mit ihren Sicherheits- und Stabilitätsprogrammen gedrängt sind. Dass solche Programme zugleich auf US-Interessen in der Region zugeschnitten sind, verstand sich für mich von selbst.

Es war für mich aber auch eine beängstigende Erfahrung, wie sehr ich mich mit der Rolle Donald Rumsfelds identifiziert habe. Ab einen gewissen Punkt war ich nicht mehr in der Lage, die Situation im Kaukasus außerhalb meiner Rolle zu analysieren. Der Kampf gegen Terrorismus und für US-Interessen war zu meinem persönlichen Feldzug geworden. Am Samstagabend war ich der festen Überzeugung, dass ich auf die Krise in Georgien nur mit militärischer Unterstützung meines Bündnispartners reagieren könnte. Dass diese Konfliktregion aufgrund ihrer strategischen Lage und der reichen Erdölvorkommen zwar sehr interessant für US-Engagement ist, ist unbestritten. Ob die USA wegen Georgien allerdings eine direkte Konfrontation mit Russland riskieren würden, bleibt doch fraglich. Dieselbe Frage kann natürlich ebenso an die russische Führung gerichtet werden. Mein Blickwinkel war am Samstagabend so eng auf den US-Verteidigungsminister ausgerichtet, dass ich mein Engagement in der Region für so legitim wie ich das Intervenieren Russlands für illegitim hielt. Man gibt sich leicht der Illusion hin, dass man unausweichlich in einen Teufelskreis geraten ist. Ich habe nur die Möglichkeit gesehen aus diesem auszubrechen, wenn der Andere den ersten Schritt macht.

An diesem Punkt setzt auch meine allgemeine Kritik am diesjährigen Krisenspiel ein. In der Vorbereitung wurde meines Erachtens zuviel Aufmerksamkeit auf Faktoren verwandt, die Konflikte auslösen und eskalieren können. Zuwenig Beachtung wurde im Vorfeld Konfliktmeditation und –Lösungen geschenkt. Auch die USA verfolgen im Kaukasus nicht ihre Interessen um jeden Preis. Mir viel es schwer einen ausgewogenen Ansatz zwischen Interessenverfolgung und Deeskalation in der Interpretation meiner Rolle zu finden. Beim diesjährigen Krisenspiel war zu beobachten, dass fast alle Akteure knallharte Interessenpolitik betrieben haben. Selbst Akteure wie der OSZE Beauftragte und der Vertreter des Europäischen Parlaments haben sich mehr für Privatkonten in der Schweiz als für die Vermittlung zwischen den Konfliktparteien interessiert. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn in Zukunft die Konfliktlösung wieder stärker in den Vordergrund des Spiels gerückt wird, auch bereits in der Vorbereitung. ‚Schwache’ Akteure, wie die UN, OSZE oder der Europarat müssten innerhalb des Spiels aufgewertet werden, um ihnen mehr Einflussmöglichkeiten zu geben. Das letzte Krisenspiel ist leider zu sehr zu einer Simulation einer Krise aus der Sicht der Realismus bzw. Neo-Realismus Schule mutiert. Ich habe selbst in der Interpretation meiner Rolle dazu beigetragen. Vielleicht ist dies unter der derzeitigen US-Außenpolitik gerechtfertigt, aber diese Logik außenpolitischen Handelns trifft international auf Widerstand. Der sollte nach meiner Meinung in Zukunft innerhalb des Krisenspiels aufgewertet werden.