Heidi Tagliavini
UNO-Sonderbeauftragte
für Georgien und Missionsleiterin der VN in Georgien
WIR, DIE VÖLKER DER VEREINTEN
NATIONEN - FEST ENTSCHLOSSEN, künftige Geschlechter vor der Geißel
des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares
Leid über die Menschheit gebracht hat,unseren Glauben an die
Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen
Persönlichkeit, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie
von allen Nationen, ob groß oder klein, erneut zu bekräftigen,
Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung
vor den Verpflichtungen aus Verträgen und anderen Quellen des
Völkerrechts gewahrt werden können,den sozialen Fortschritt
und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit
zu fördern,
UND FÜR DIESE ZWECKE Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn
in Frieden miteinander zu leben, unsere Kräfte zu vereinen, um
den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren, Grundsätze
anzunehmen und Verfahren einzuführen, die gewährleisten,
daß Waffengewalt nur noch im gemeinsamen Interesse angewendet
wird, und internationale Einrichtungen in Anspruch zu nehmen, um den
wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt aller Völker zu fördern
-
HABEN BESCHLOSSEN, IN UNSEREM BEMÜHEN UM DIE ERREICHUNG DIESER
ZIELE ZUSAMMENZUWIRKEN.
So lautet die Päambel der Charta der Vereinten
Nationen, die Grundlage der Organisation, die Heidi Tagliavini in
Georgien vertritt und deren Rolle ich im Juni übernahm.
Zielsetzung:
Die Aufgabe der VN in Georgien ist durch die VN Resolution 937 (1994)
festgelegt und als brave(r) Diplomat(in) verfolgte meine Verkörperung
von Frau Tagliavini – im Gegensatz zu Herrn Gil-Robles und anderen
– keine weiteren (subversiven, korrupten, skandalösen und
abscheulichen, sich selbst bereichernden) Ziele. Vor allem ging es
daher um die Aufrechterhaltung des Waffenstillstands vom 14. Mai 1994
zwischen Abchasien und Georgien, die Kontrolle der Sicherheitszone,
die Sicherheit der Beobachter (und der VN-Vertreterin). Langfristig
war mein Ziel außerdem natürlich eine politische Beilegung
des Konfliktes, die Stabilisierung der Region und die sichere, geregelte
Rückführung von Vertriebenen. Zuletzt gehört zur Aufgabe
der VN, wie immer, auch die Verbesserung der humanitären Situation.
An dieser Zielsetzung änderte sich über
den Verlauf des Spiels hinweg eigentlich wenig. Allerdings war es
angesichts der verkorksten Interessen der unterschiedlichen Akteure
und des oft irrationalen Verhaltens nicht immer einfach, diese Ziele
nach der (mir) üblichen Logik zu verfolgen. Das größte
Problem dabei war das mangelnde Interesse der vorhandenen Akteure
an einer Befriedung, wodurch meine Ziele zunächst zum Scheitern
verurteilt war. Dabei Spielte aber auch die Dynamik der Spielsituation
eine Rolle: während zu Anfangs das Interesse an Vermittlung kaum
vorhanden war (die Krise musste sich ja erst mal entwickeln), war
gegen Ende eine viel größere Kompromissbereitschaft vorhanden.
Im Endeffekt mögen wir ja doch alle Happy-Ends und so sollte
ja auch der Kaukasus am Ende möglichst seinen Frieden finden!
Strategie:
Als Vertreter der VN hat man Geld, Prestige, den Ruf der Unparteilichkeit
und ein paar mehr oder weniger verlässliche Truppen, die einem
aber nur indirekt unterstellt sind. Mein Plan war daher vor allem,
als Kontaktpunkt und Zünglein an der Waage (vor allem durch das
Geld), die verschiedenen Akteure einander näher zu bringen und
zu einer friedlichen Koexistenz zu Bewegen. Was die Sezessionsbewegungen
in Abchasien und Ossetien angeht, so war für mich schon recht
früh klar das hier die - wahrscheinlich für viele offensichtliche
- Föderationslösung die einzigst sinnvolle sei. Die „Waldbrüder“
sollten entwaffnet und rehabilitiert werden, die Flüchtlinge,
- der VN-Resolution entsprechend – zurück geführt
werden. Zugleich musste, vor allem im Interesse des letzten Punktes,
die VN-Präsenz ausgeweitet werden und ein stärkeres Engagement
der internationalen Gemeinschaft für den Wiederaufbau gesichert
werden. Somit wäre den Rückkehrenden Flüchtlingen Sicherheit
und den „Waldbrüdern“ eine Alternative zur Kriminalität
geboten worden. Zugegebenermaßen, ging diese Strategie von einem
sehr rational, ökonomisch motiviertem Vorgehen der Akteure aus.
Angesichts der mir vorhandenen Mittel war aber wenig anderes möglich.
Umsetzung:
Einer erster Fehler in der Umsetzung meiner Strategie war wahrscheinlich
eine gewisse Unüberlegtheit im Vorgehen und ein überhöhtes
Profilierungsbedürfnis. Wie auch vielen anderen Akteuren, ging
es mir Anfangs so, dass man das Gefühl hatte, man müsse
schnell etwas tun, egal was, aber irgendetwas muss man jetzt machen
und am besten etwas, was alle sehen, womit man sich als bedeutender
Akteur „platziert“. Das ist ein Bisschen so, wie wenn
man ins kalte Wasser springt und zunächst erst mal völlig
überhastet und unkontrolliert strampelt.
– Vielleicht ist dieses Verhalten auch gar nicht so falsch.
Der erste Eindruck zählt auch bei solch einem Spiel und wer gleich
zu Anfang einen Erfolg erzielt, Fakten schafft, der kann den Rest
des Spiels prägen. Aber das ist nicht so einfach, vor allem wenn
man keine Truppen hat, die mal eben eine Grenze angreifen können,
oder ähnliches. Gleichzeitig war die Koordination mit anderen
Akteuren in dem knappen Zeitraum der Spielphasen nicht einfach. Oft
scheiterte die Koordination auch daran, dass man jemanden einfach
nicht fand! So ergab sich etwa gleich zu Anfang eine peinliche Überlappung
einer von VN und Europarat organisierten „Konferenz“ und
einem von den USA organisierten „Gipfeltreffen“ der Hauptakteure
in Georgien. Beides blieben recht Ergebnislose „Profilierungsversuche“
der Art, die ich eben schon erwähnte.
Nach diesem ersten Fehlschlag, betonte ich dann eher
die Vermittlerfunktion und die Rolle der VN als Hilfsorganisation.
Diese Arbeit war nicht nur sehr viel Medienwirksamer (wer wäre
nicht gerne auf der Formel 1 – Rennbahn im Grenzgebiet zwischen
Abchasien und Georgien gefahren?! Wer wird je das fantastische Benefizkonzert
in Tiflis vergessen?!), sie führte auch zu tatsächlichen
Erfolgen, etwa das Ausscheiden des gefürchteten Anführers
der Waldbrüder und die Verbesserung der Lebensverhältnisse
irgendwelcher Nutznießer des Benefizkonzerts (ich glaube es
ging um die Flüchtlinge).
Der sich abzeichnende Konflikt zwischen Russland und den USA, der
– das muss man doch mal sagen – völlig an jeder Realität
vorbei ging, löste sich eigentlich ohne bedeutendes Einwirken
der VN auf. Die einberufene Sondesitzung des VN-Sicherheitsrats wäre
eine tolle Gelegenheit gewesen, eine pathetische, rührende, Einheit
stiftende Rede zu halten. Ich ließ diese Gelegenheit zugunsten
eines gewissen Gestammels über internationales Recht verstreichen,
wobei ich von Internationalem Recht nur wenig Ahnung habe und das
Gestammel dementsprechend wirkungslos war.
Erst in der letzten Runde konnte ich – aufgrund
des schon erwähnten Gesinnungswandel seitens der Akteure –
einen recht aussichtsreichen Kompromiss, ja sogar eine Art Resolution,
ausarbeiten, mit dem meine Ziele weitestgehend erreicht worden wären:
eine starke, robuste Friedenstruppe für Georgien, Föderationslösung
und Aufbauhilfe. Wie das aber bei so einem Spiel so ist kam ich nicht
mehr dazu, diese Sammlung von Zetteln, Unterschriften und Siegeln
in den „Himmel“ zu schicken, so dass er nicht mehr Umgesetzt
wurde. Schade.
Traurig ist im Nachhinein, dass die gesetzten Ziele
nur marginal erreicht werden konnten. Aber in gewissermaßen,
denke ich, ist das ein gutes Zeichen für das Krisenspiel. Selbst
wenn es mir besser gefallen hätte, wenn die VN als schlichtende
Kraft die verschiedenen Akteure hätte versühnen können.
Realistisch wäre das nicht unbedingt gewesen. (Aber die Skrupellosigkeit
mit der hier Selbstbereicherung und Konspiration umgesetzt wurde war
schon Fabelhaft! Man sieht das wir aus Berlin kommen. Da lernt man
so etwas noch aus dem Lokalteil der Zeitungen!)
Wenngleich bestimmte Aspekte zu meinem Nachteil vernachlässigt
wurden („Quick Impact Programms“ als wirtschaftliches
Druck- / Lockmittel, politischer Status, Zugang zu politischen Akteuren,
Geographische Rahmenbedingungen), so lag mein scheitern doch vor allem
am rechtlichen und politischen Korsett, das die Handlungsfähigkeit
der VN einschränkt. Was sollen die VN etwa tun, wenn Russland
abchasischen Kämpfern den Durchzug erlaubt?
Fehler in meinem eigenen Vorgehen habe ich oben ja bereits erläutert.
Als einzigen Vorschlag fürs nächste mal könnte ich
mir Vorstellen, dass der Einstieg in das Spiel etwas vorsichtiger
und besser geplant wird. Wie bereits beschrieben, verleitet das Springen
ins kalte Wasser zunächst zu überhastetem strampeln. Wenn
man langsam reingeht klappt das besser.
Aber im Grossen und Ganze war es toll! Ehrlich. Ich
hoffe, dass Aus meinen vorrausgegangenen Erörterungen deutlich
geworden ist, dass ich mich weder als Sieger sehe, noch dass ich mit
meinem Vorgehen besonders zufrieden bin. Eigentlich ist das schade.
Ich würde natürlich lieber auf das Wochenende zurückblicken
und dabei sagen können, ich hätte alles geschafft, alles
durchgesetzt, prima Show. Aber man lernt ja durch Fehler. Und die
gute Gesellschaft macht alle Niederlagen wett! Es war ein wirklich
schönes Wochendende.
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