projektkrise 2004geschichte

Carlos Alberto Ospina Ovalle

Das Krisenspiel 2004 – Kolumbien war für mich vom ersten Moment an eine recht interessante Erfahrung. Obwohl ich nach der Rollenvergabe zunächst Mühe hatte, eine vollständige Identifikation mit meinem Charakter zu erreichen (ein Blick auf das Portrait von Ospina Ovalle mag meine Bedenken bestätigen), nahm ich mir fest vor, im Spiel einen möglichst naturgetreuen Militärchef darzustellen. Die Vorbereitungssitzungen waren hilfreich, um einen allgemeinen Überblick über den Bürgerkrieg in Kolumbien zu bekommen; über die Ziele und Strategien meines Akteurs war ich mir dadurch allerdings noch wenig im Klaren. So ging ich mit der festen Intention ins Spiel, einen nun schon mehr als 40 Jahre herrschenden Konflikt zumindest logisch und strategisch im Rollenspiel zu lösen – ein edles Ziel, welches sich leider allzu schnell verlieren sollte!

Nach der abenteuerlichen Anreise auf die Insel Scharfenberg sorgte der schnelle Einstieg in die Rolle für verwirrende Fragen: Wie funktioniert dieses Spiel, was mache ich jetzt? Durch die kompetenten Anweisungen von Präsident Uribe, welcher Polizeichef Castro, Oppositionsführer Sanchez und mich sofort zur Regierungskonferenz einberief, wurde diese Unsicherheit geschickt überbrückt. Ehe ich wusste, was geschah, füllten wir bereits den ersten Handlungszettel aus – einen grünen natürlich! Damit war mein fester Platz im Spiel als Mitglied der Regierung zunächst gesichert, Freunde und Feinde schienen identifiziert. Diese Verortung der eigenen Rolle sollte sich im weiteren Spielverlauf für mich als entscheidender, aber extrem unsteter Faktor darstellen.
So lief das Krisenspiel bereits von der ersten Runde an wie von selbst, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch wenig Eigeninitiative an den Tag legte und mich von den anderen Regierungsmitgliedern leiten ließ. Am Anfang war vor allem das Zusammenspiel und gegenseitiges Vertrauen (eine seltene Erfahrung!) wichtig. Eigene Interessen rückten fast vollständig in den Hintergrund und machten sich lediglich in einer ersten inoffiziellen Absprache mit der AUC bemerkbar: Die Paramilitärs sicherten zu, jede Beziehung zum Militär offiziell abzustreiten, wenn ich Militärschläge auf das von ihnen kontrollierte Gebiet verhindern würde. Dieser Kontakt sollten sich später als recht nützlich erweisen, auch wenn ich zu Beginn noch starke Zweifel hatte, der Anfrage nach Zusammenarbeit überhaupt nachzukommen – immerhin handelte ich damit zum ersten Mal hinter dem Rücken meiner Regierung!
Von Anfang an spielten alle Beteiligten ihre Rollen sehr individuell und kreativ. Das beflügelte das Spiel und machte es mir möglich, mich leichter in meinen Charakter hineinzufinden – soweit das Aufgrund optischer Unterschiede eben möglich war.

Erste große Verwirrung entstand in der vierten Runde durch Informationen des CIA-Chefs Tenet, der mich davon informierte, die Regierung plane eine Intrige und würde versuchen, mich zu entmachten. Ich war durch diese Nachricht ziemlich vor den Kopf gestossen und fühlte mich zum ersten Mal im Spiel persönlich betroffen, konnte aber gleichzeitig den CIA-Informationen nicht voll und ganz Glauben schenken. In der kommenden Runde beobachtete ich meine „Partner“ ganz genau und glaubte tatsächlich, Zeichen für einen Verrat auszumachen: Warum verheimlichte Uribe plötzlich Waffengeschäfte an der venezolanischen Grenze vor mir? Warum wollte Castro mein Militär zur Folterung von Gefangenen überreden? Das CIA riet mir zum schnellen Handeln; dennoch brauchte ich eine weitere Runde, um mich tatsächlich mit der vermeintlichen Gewissheit abzufinden, der Regierung im Weg zu stehen. Ein auf mich verübter Mordanschlag, der mein Leben nur knapp verschonte, gab schließlich den Ausschlag für einen recht radikalen Entschluss: Heimlich traf ich mich mit den Paramilitärs und beiden Drogenbossen, um einen Handlungsbefehl Uribes zum Angriff auf die AUC feierlich zu zerreißen (wir hätten ihn wohl auch verbrannt, wenn jemand ein Feuerzeug dabei gehabt hätte) und das „Komitee El Niño“ zu gründen, welches noch in derselben Runde einen Militärputsch durchführte und den Präsidenten mitsamt seinem Polizeichef aus Bogotá vertrieb.
Selbst noch etwas überrascht vom durchschlagenden Erfolg unserer Aktion übernahmen wir zu Beginn der nächsten Runde die Regierungsgeschäfte in der kolumbianischen Botschaft. In meiner neuen Rolle als Militärchef Kolumbiens fühlte ich mich trotz der zwei AUC-Generäle an meiner Seite ziemlich unsicher, was noch durch die traurige Tatsache unterstützt würde, dass niemand mit uns verhandeln wollte. Stattdessen erreichte uns eine Drohung nach der anderen: Die umliegenden Staaten planten einen Militäreinsatz mithilfe eines UN-Mandats, alle Verhandlungen zu FARC und ELN waren abgebrochen und die Gewerkschaft hatte prompt einen Generalstreik ausgerufen – lediglich die Presse besuchte uns in der Botschaft, um einen Spot über die neue Regierung zu drehen. Somit waren wir sowohl außen- als auch innenpolitisch isoliert und handlungsunfähig, was einen nicht unerheblichen Druck auslöste.
Nach einer mehr oder minder ergebnislosen Runde folgte ich dem Ratschlag des vorausschauenden Bürgermeisters Garzón und trat in einem live-Beitrag der Nachrichtensendung überraschend zurück. Glücklicherweise hatte gleichzeitig auch die AUC entschieden, sich wieder in den dichten Dschungel zurückzuziehen – sonst hätten wir uns wohl gegenseitig in der Botschaft sitzenlassen.
Auf ein Angebot der USA hin flüchtete ich mich in die amerikanische Botschaft, da ich Uribes bösen Blicken zufolge um mein Leben fürchten musste. Kurz darauf plauderte ich diese prekäre Gefälligkeit dummerweise vor laufenden Kameras aus, woraufhin der stark in Bedrängnis geratene US-Außenminister Colin Powell wütend wurde, mich vom FBI festnehmen ließ und seinen reizenden Botschafter in Bogotá mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendierte.

Für eine Runde residierte ich nun in amerikanischer Gefangenschaft auf Guantánamo und war damit vollkommen handlungsfähig. An dieser Stelle plagten mich nicht nur mein schlechtes Gewissen gegenüber der Entlassung von Mr. Wood und Ärger über die eigene Blödheit, sondern auch gewaltige Frustration: Ich hatte meinen festen Platz im Spiel verloren, dem Druck an der Spitze der Macht nicht standhalten können und schließlich auch noch meine letzten Verbündeten bloßgestellt. Die wachsende Überforderung führte zu dem Entschluss, in den folgenden Runden alle Regeln und Skrupel über den Haufen zu werfen (die bis dahin durchaus noch sporadisch aufgetreten waren) und ohne Rücksicht auf Verluste zu spielen. Ich verhandelte zunächste aus der Gefangenschaft und später aus meinem Versteck auf Bustamantes Finca heraus mit allen über alles, um bis zum Ende des Spiels in eine einigermaßen befriedigende Machtposition zurückzugelangen. Das mühsame Hocharbeiten zahlte sich schließlich aus: Im Chaos nach der Wiedereinsetzung Uribes in sein Amt und den immer stärker werdenden Forderungen nach Neuwahlen schaffte ich es (nicht ohne Stolz), geheime Abkommen mit allen Präsidentschaftskandidaten über gegenseitige Unterstützung und die Rückkehr als Militärchef im Falle ihrer Machterlangung zu schließen. Da mir Garzón aber bei weitem als der vielversprechendste Kandidat erschien, plante ich schließlich in der vorletzten Runde einen zweiten Putsch mithilfe der FARC, um Neuwahlen zu erzwingen. Dieses Mal nahm ich die Handlung allerdings eher als Spaßaktion wahr, um das Spiel noch einmal ordentlich aufzumischen. Der Erfolg blieb aus, da Uribe sich weiterhin im Amt halten konnte und Neuwahlen verweigerte.
Am Ende der 11. Runde herrschte sowohl im Spiel als auch in den Köpfen der Spieler totales Chaos. Die Begeisterung schwand langsam einer bleiernen Müdigkeit; irgendwie war einfach die Luft raus. Den Wahlkampf der letzten Runde betrachtete ich daher schon aus räumlicher und geistiger Distanz und fühlte mich nur durch die in den Nachrichten dargestellte Ermordung Garzóns ein letztes Mal wirklich persönlich vom Spiel berührt.

Obwohl schon das offizielle Ablegen der Rolle eine enorme Erleichterung war, zeigten sich die Auswirkungen des Krisenspiels erst in den darauffolgenden Tagen: Es war nicht wie erwartet nur ein lustiges strategisches Rollenspiel gewesen, sondern sehr viel intensiver und sowohl körperlich als auch geistig anstrengend. Ich hätte kaum damit gerechnet, so sehr in ein Problemfeld und die von mir dargestellte Persönlichkeit einzutauchen – auch wenn mir die ganze Zeit über bewusst war, eine eigene Version des Konflikts und meines Akteurs kreiert zu haben, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatte.
Insgesamt glaube ich, durch das Krisenspiel nicht nur einen völlig neuen Blick auf Konflikttheorien gewonnen, sondern auch eine interessante Verbindung von Politik und Psychologie wahrgenommen zu haben: Meiner Meinung nach ist das Spiel ein Beweis für die starke Kombination von Realismus und Kognitivismus, also einer Verbindung von rücksichtslosem Machtstreben und persönlichen Charaktereigenschaften jedes Akteurs, die das Spiel bzw. die Realpolitik grundlegend gestalten. Auch wenn ich im Zuge dessen meine Ziele vollkommen aus den Augen verloren habe und im Nachhinein zugeben muss, jegliche Bemühung um eine Konfliktlösung außer acht gelassen zu haben, werte ich das Krisenspiel als Lernerfolg. Ein großes Dankeschön geht daher an alle engagierten Mitspieler, die fleißige Pressegruppe und vor allem das großartige Gödderteam, ohne die das ganze Krisenspiel überhaupt nicht möglich gewesen wäre!

Laura Grünewald